Die Zeit heilt keine Wunden, sie spult sie nur zurück: Braid, Anniversary Edition im Test
Jonathan Blows zeitloses Meisterwerk kehrt in einer grafisch überarbeiteten Fassung zurück, die den legendären Puzzle-Plattformer in neuem Glanz erstrahlen lässt. Doch ist das Spielprinzip nach 16 Jahren noch immer so brillant wie am ersten Tag?
Es gibt Spiele, die definieren eine Ära. Als Braid im Jahr 2008 erschien, löste es eine wahre Lawine aus – es war der Startschuss für den modernen Indie-Boom und bewies, dass Videospiele nicht nur Unterhaltung, sondern auch Kunst, Metapher und intellektuelle Herausforderung sein können. Jetzt, 16 Jahre später, kehrt Jonathan Blow mit der Anniversary Edition zurück. Die große Frage, die sich mir als Journalist bei EndeNews.de stellt: Ist Braid ein Relikt, das man in Ehren halten sollte, oder ein zeitloses Juwel, das auch heute noch jeden Cent wert ist?
Die Antwort ist ein komplexes „Sowohl als auch“.
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Die optische Überarbeitung. Die Anniversary Edition bietet die Möglichkeit, per Knopfdruck zwischen dem Original-Look und der neuen, hochauflösenden Grafik zu wechseln. Die neuen Hintergründe wirken wie lebendige Ölgemälde. Sie sind detailverliebt, atmosphärisch und fangen die melancholische Stimmung von Tim, unserem Protagonisten, perfekt ein. Wer das Original kennt, wird den Unterschied sofort bemerken – es fühlt sich an, als hätte man einen alten Film restauriert.
Doch unter der glänzenden Oberfläche bleibt das Spiel, was es immer war: Ein knallharter Puzzle-Plattformer. Die Mechanik, die Zeit nach Belieben zurückzuspulen, ist auch 2024 noch so brillant wie damals. Jede Welt führt eine neue Regel ein – mal beeinflusst die Zeit die Musik, mal gibt es Objekte, die immun gegen das Zurückspulen sind. Das Leveldesign ist nach wie vor eine Meisterleistung. Man steht vor einem Rätsel, verzweifelt, probiert aus, scheitert, und plötzlich – in einem Moment der absoluten Klarheit – klickt es. Dieses „Aha!“-Gefühl ist das, was Braid so besonders macht. Es gibt einem das Gefühl, ein Genie zu sein, nur um einen im nächsten Level wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.
Kritisch muss man jedoch anmerken, dass die Steuerung nicht unbedingt mit der Zeit gegangen ist. Tim fühlt sich manchmal etwas „schwerfällig“ an, besonders wenn es um präzise Sprünge geht. In einem Spiel, das von exaktem Timing lebt, kann das gelegentlich zu Frust führen. Während moderne Plattformer wie Celeste eine fast schon chirurgische Präzision bieten, wirkt Braid hier ein wenig wie ein Kind seiner Zeit. Das ist kein Weltuntergang, aber wer eine moderne „Smoothness“ erwartet, könnte enttäuscht werden.
Ein weiterer Punkt, der für Neulinge abschreckend wirken könnte, ist die Komplexität der Puzzles. Braid nimmt einen nicht an die Hand. Es gibt keine Tutorials, keine Hinweise, keine Hilfestellung. Wenn man in einer Welt feststeckt, muss man eben dort bleiben. Die optionalen Puzzleteile, die man für das „wahre“ Ende sammeln muss, sind teilweise so abstrakt versteckt, dass man ohne einen Guide (oder sehr viel Geduld) kaum eine Chance hat. Das ist einerseits ein Lob für den Anspruch, andererseits eine Hürde für Gelegenheitsspieler.
Die Geschichte von Braid bleibt auch nach all den Jahren rätselhaft und tiefgründig. Die Texte, die man in den Büchern zu Beginn jeder Welt findet, sind kryptisch und laden zu unzähligen Interpretationen ein. Geht es um Reue? Um eine gescheiterte Beziehung? Um die Atombombe? Die Anniversary Edition fügt sogar Entwickler-Kommentare hinzu, die so umfangreich sind, dass sie fast ein eigenes Spiel füllen könnten. Für Fans, die tief in die Materie eintauchen wollen, ist das ein absolutes Highlight. Man merkt, wie viel Herzblut und intellektueller Anspruch in diesem Projekt stecken.
Abschließend stellt sich die Frage nach dem Preis. Für Besitzer des Originals ist das Upgrade-Paket nicht ganz billig. Lohnt sich der Kauf für die neue Grafik und die Kommentare? Wenn man ein Fan des Spiels ist, definitiv. Die Liebe zum Detail in der Restaurierung ist spürbar. Wer Braid jedoch noch nie gespielt hat, bekommt hier die definitive Version eines Meilensteins der Spielegeschichte.
Braid, Anniversary Edition ist kein Spiel für zwischendurch. Es ist ein Spiel, das man sich erarbeiten muss. Es ist manchmal frustrierend, oft melancholisch und immer fordernd. Aber es ist auch eines der wenigen Spiele, das mich dazu gebracht hat, nach dem Ausschalten der Konsole noch stundenlang über die Bedeutung des Endes nachzudenken. Und genau das zeichnet ein echtes Meisterwerk aus – egal ob 2008 oder 2024. Eine klare Empfehlung für alle, die Spiele als mehr als nur Zeitvertreib sehen.
+ PRO
- +Atemberaubende, handgezeichnete neue Grafikoptionen
- +Zeitlose, philosophische Erzählweise, die zum Nachdenken anregt
- +Geniale Rätsel-Mechaniken, die auch heute noch Maßstäbe setzen
- +Hervorragender, neu abgemischter Soundtrack
- CONTRA
- -Hohe Frustrationsschwelle bei den optionalen Puzzleteilen
- -Die Steuerung wirkt im Vergleich zu modernen Titeln etwas schwammig
- -Der Preis für ein 'Upgrade' eines alten Klassikers ist ambitioniert
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