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Ein blutiger Tanz auf dem Drahtseil: Warum Nine Sols das anspruchsvollste Abenteuer des Jahres ist
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Ein blutiger Tanz auf dem Drahtseil: Warum Nine Sols das anspruchsvollste Abenteuer des Jahres ist

Nine Sols verbindet knallharte Sekiro-Action mit einer faszinierenden „Taopunk“-Ästhetik und liefert eines der herausforderndsten Metroidvania-Erlebnisse der letzten Jahre ab. Ein Spiel, das keine Gefangenen macht.

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Dennis Adam
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Wenn man „Nine Sols“ zum ersten Mal startet, fühlt man sich sofort in eine Welt versetzt, die so gar nicht in das übliche Raster der Indie-Szene passt. Entwickler Red Candle Games hat hier ein „Taopunk“-Meisterwerk geschaffen, das fernöstliche Mythologie mit futuristischer Technologie verschmilzt. Doch lassen Sie sich von der wunderschönen, handgezeichneten Optik nicht täuschen: Hinter der Fassade verbirgt sich ein Biest von einem Spiel, das Ihre Reflexe bis an die absolute Belastungsgrenze treibt.

Das Herzstück von Nine Sols ist zweifellos das Kampfsystem. Wer hier mit der „Button-Mashing“-Mentalität eines klassischen Hack-and-Slash-Titels herangeht, wird innerhalb der ersten zehn Minuten gnadenlos scheitern. Das Spiel ist im Kern ein 2D-Sekiro. Das Parieren steht über allem. Jeder Schlag, jeder Stoß der Gegner muss im perfekten Moment abgefangen werden. Wenn man den Rhythmus erst einmal verinnerlicht hat, fühlt sich jeder Kampf wie ein tödlicher, eleganter Tanz an. Das befriedigende „Kling“-Geräusch, wenn man einen Angriff perfekt pariert, macht süchtig.

Doch genau hier liegt auch die erste Hürde: Der Schwierigkeitsgrad. Nine Sols ist kein Spiel für zwischendurch. Es gibt Bosse, die einen über Stunden hinweg zur Verzweiflung treiben können. Während das Erfolgserlebnis nach einem Sieg über einen der „Sols“ (die namensgebenden Antagonisten) gigantisch ist, stellt sich bei weniger frustresistenten Spielern schnell das Gefühl ein, gegen eine Wand zu laufen. Es gibt zwar einen Story-Modus, der den Schaden reduziert, aber das Spiel verliert dadurch einen Teil seiner Identität – denn der Kampf ist hier eben nicht nur Mittel zum Zweck, sondern die Sprache, in der die Geschichte erzählt wird.

Die Geschichte selbst ist eine der größten Überraschungen. Wir schlüpfen in die Rolle von Yi, einem Krieger, der Rache an den neun Sols sucht. Was als klassische Rachestory beginnt, entwickelt sich schnell zu einer komplexen Erzählung über Identität, Moral und die Kosten des technologischen Fortschritts. Die Charaktere sind exzellent geschrieben, und die Welt von New Kunlun fühlt sich durch die vielen kleinen Details in den Umgebungen und die Lore-Einträge lebendig und durchdacht an. Es ist selten, dass ein Metroidvania eine so dichte und philosophisch aufgeladene Atmosphäre erzeugt, ohne dabei in langatmige Textwüsten zu verfallen.

Kommen wir zum Leveldesign: Als Metroidvania bietet Nine Sols eine verwinkelte, miteinander verbundene Welt. Die Erkundung macht Spaß, und die Fähigkeiten, die man im Laufe der Zeit freischaltet, öffnen neue Wege auf eine Weise, die sich organisch anfühlt. Dennoch gibt es Momente, in denen das Spiel das Tempo drosselt. Bestimmte Passagen, in denen man durch bereits besuchte Gebiete zurückkehren muss, wirken manchmal wie künstliche Streckung. Wenn man zum dritten Mal durch einen Raum voller Standardgegner läuft, nur um einen Schalter zu betätigen, verfliegt die Magie der Welt kurzzeitig. Hier hätte ein etwas strafferes Pacing dem Spielfluss gutgetan.

Technisch ist das Spiel ein Genuss. Der Grafikstil ist eigenwillig, aber konsequent durchgezogen. Die Animationen sind flüssig, und die Boss-Designs gehören zum Besten, was das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Auch der Soundtrack unterstreicht die düstere, technologische Atmosphäre perfekt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Ist Nine Sols perfekt? Nein. Es ist ein Spiel, das seine Spieler fordert und manchmal fast schon schikaniert. Es gibt Momente der Frustration, in denen man den Controller am liebsten in die Ecke werfen möchte, weil die Hitbox eines Bosses mal wieder einen Millimeter zu groß war. Doch genau diese Ecken und Kanten machen es zu etwas Besonderem. Es ist kein Spiel, das einem den Sieg schenkt. Man muss ihn sich verdienen.

Für Fans von anspruchsvollen Action-Spielen, die eine tiefgründige Story und eine einzigartige Ästhetik suchen, ist Nine Sols ein absoluter Pflichtkauf. Es ist ein Spiel, das man nicht nur spielt, sondern das man bezwingt. Wer bereit ist, sich auf den harten Lernprozess einzulassen, wird mit einem der befriedigendsten Spielerlebnisse des Jahres 2024 belohnt. Red Candle Games hat bewiesen, dass sie weit mehr können als nur Horror – sie können auch verdammt gute Action.

9
/10
EXZELLENT

+ PRO

  • +Ein Kampfsystem, das durch Präzision und Rhythmus besticht
  • +Herausragende, handgezeichnete Grafik und ein einzigartiges Setting
  • +Tiefgründige Story, die philosophische Fragen mit Sci-Fi-Elementen verwebt

- CONTRA

  • -Der Schwierigkeitsgrad ist stellenweise frustrierend hoch
  • -Gelegentliche Backtracking-Passagen wirken unnötig in die Länge gezogen

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