Ein handgemachtes Meisterwerk, das in seiner eigenen Trägheit versinkt
Harold Halibut ist eine visuelle Sensation, die durch ihre Stop-Motion-Optik besticht, aber spielerisch oft auf der Stelle tritt. Ein entschleunigtes Sci-Fi-Abenteuer mit Herz, das viel Geduld fordert.
Wenn man „Harold Halibut“ zum ersten Mal startet, passiert etwas Seltenes: Man reibt sich die Augen. Das Entwicklerstudio Slow Bros. hat über ein Jahrzehnt an diesem Spiel gearbeitet, und das sieht man in jedem einzelnen Frame. Die Welt von Harold Halibut wurde physisch aus Modelliermasse, Holz und Metall gefertigt und dann digitalisiert. Das Ergebnis ist eine visuelle Ästhetik, die sich so organisch, so greifbar und so wunderbar „falsch“ anfühlt, dass sie einen sofort in ihren Bann zieht. Doch nach den ersten Stunden der Bewunderung stellt sich die Frage: Ist das hier ein Spiel oder ein interaktives Museumsstück?
Die Geschichte spielt auf der „Fedo“, einem gigantischen Raumschiff, das vor 250 Jahren auf einem fremden Planeten notgelandet ist. Wir schlüpfen in die Rolle von Harold, einem schüchternen, etwas tollpatschigen Laborassistenten, der eigentlich nur seinen Job machen will. Er ist kein Held, kein Auserwählter, sondern einfach nur ein Rädchen im Getriebe einer Gesellschaft, die sich in ihrer Unterwasser-Existenz eingerichtet hat.
Die Stärke des Spiels liegt zweifellos im Worldbuilding. Die Bewohner der Fedo sind keine generischen NPCs. Sie haben Sorgen, Träume, politische Ansichten und eine bemerkenswerte Tiefe. Wenn man durch die Gänge schlendert und den Gesprächen lauscht, fühlt sich das Schiff lebendig an. Die Dialoge sind exzellent geschrieben und mit einer Hingabe vertont, die man in großen AAA-Produktionen oft vermisst. Man entwickelt eine echte Bindung zu diesen kleinen, knetartigen Figuren.
Doch hier beginnt auch mein größter Kritikpunkt: das Pacing. Harold Halibut ist ein „Slow Burn“ im extremsten Sinne. Das Spiel zwingt einen dazu, jeden Gang mehrfach abzulaufen. Man erledigt Botengänge, die sich wie echte Arbeit anfühlen – und das ist nicht immer positiv gemeint. „Geh zu Person A, hol ein Teil, bring es zu Person B, geh zurück zu Person A.“ Diese Struktur ist ein Relikt aus alten Adventure-Tagen, das hier leider nicht durch spielerische Raffinesse aufgebrochen wird.
Es gibt Momente, in denen man sich wünscht, das Spiel würde Harold einfach mal rennen lassen oder die Wege abkürzen. Oft verbringt man Minuten damit, durch die Korridore zu stapfen, nur um ein kurzes Gespräch zu führen, das die Handlung kaum voranbringt. Während diese Entschleunigung für die Atmosphäre förderlich ist, strapaziert sie die Geduld des Spielers. Wer ein dynamisches Sci-Fi-Abenteuer sucht, wird hier bitter enttäuscht. Wer hingegen bereit ist, sich auf einen entschleunigten Rhythmus einzulassen, findet eine fast meditative Erfahrung.
Auch die spielerischen Mechaniken sind eher Beiwerk. Es gibt kleine Minispiele – etwa das Reinigen von Filtern oder das Reparieren von Geräten –, die aber so simpel sind, dass sie eher wie eine Pflichtaufgabe wirken als wie eine echte Herausforderung. Man merkt dem Spiel an, dass der Fokus fast ausschließlich auf dem Erzählerischen und dem Visuellen lag. Die Interaktion mit der Welt bleibt oberflächlich, was angesichts der Detailverliebtheit der Umgebung fast schon schade ist.
Technisch gesehen ist das Spiel auf Konsolen und PC solide, aber nicht fehlerfrei. Die Steuerung von Harold fühlt sich in den 3D-Räumen manchmal etwas schwammig an. Er bewegt sich, als würde er durch Wasser laufen – was thematisch zwar passt, aber bei der Navigation durch die verwinkelten Gänge der Fedo gelegentlich für Frust sorgt.
Trotz dieser Schwächen ist Harold Halibut ein Spiel, das ich nicht missen möchte. Es ist ein mutiges Projekt, das sich weigert, den modernen Gaming-Trends von „schneller, größer, lauter“ zu folgen. Es ist ein Spiel über Einsamkeit, über das Festhalten an Traditionen und über die Suche nach einem Platz in einer Welt, die eigentlich nur ein Gefängnis ist.
Abschließend lässt sich sagen: Harold Halibut ist kein Spiel für jeden. Wer Action, komplexe Rätsel oder ein schnelles Vorankommen sucht, sollte einen großen Bogen darum machen. Wer sich jedoch auf eine langsame, melancholische Reise einlassen kann und ein Auge für handwerkliche Kunstfertigkeit hat, wird hier ein Erlebnis finden, das im Gedächtnis bleibt. Es ist ein ungeschliffener Diamant – manchmal sperrig und anstrengend, aber in seinem Kern von einer Schönheit, die man in der heutigen Gaming-Landschaft nur noch selten findet. Ein mutiger Indie-Titel, der zeigt, dass Spiele auch einfach nur „sein“ dürfen, anstatt immer nur „funktionieren“ zu müssen.
+ PRO
- +Einzigartiger, handgefertigter Grafikstil, der seinesgleichen sucht
- +Tiefgründige, menschliche Charaktere mit exzellenter Vertonung
- +Eine melancholische, charmante Atmosphäre, die man so schnell nicht vergisst
- CONTRA
- -Extrem langsames Pacing, das oft in Leerlauf ausartet
- -Mechanisch simple und teils repetitive Aufgaben
- -Die Steuerung wirkt in den 3D-Umgebungen oft etwas hölzern
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