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Смута: Ein historisches Epos, das im Sumpf der eigenen Ambitionen stecken bleibt
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Смута: Ein historisches Epos, das im Sumpf der eigenen Ambitionen stecken bleibt

Das russische Action-Rollenspiel „Смута“ verspricht ein historisches Abenteuer in der Zeit der Wirren, liefert jedoch eine technisch unfertige Erfahrung, die hinter ihren eigenen Ambitionen weit zurückbleibt.

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Dennis Adam
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Wenn ein Spiel mit dem Anspruch antritt, die russische Geschichte des 17. Jahrhunderts – die sogenannte „Zeit der Wirren“ – in einem epischen Action-Gewand zu präsentieren, sind die Erwartungen hoch. „Смута“ (Smuta) wurde im Vorfeld als das russische Pendant zu „The Witcher“ oder „Ghost of Tsushima“ gehandelt. Doch nach vielen Stunden in den Wäldern und Städten des alten Moskowiens muss ich als Journalist bei EndeNews.de leider feststellen: Der Glanz der historischen Fassade täuscht nicht über den tiefen Abgrund an spielerischen Defiziten hinweg.

Eine visuelle Mogelpackung

Beginnen wir mit dem, was „Смута“ zweifellos am besten kann: die Optik. Die Entwickler haben sichtlich viel Herzblut in die Recherche gesteckt. Die Rüstungen, die Kleidung der Bojaren und die Architektur der russischen Dörfer sind mit einer Detailverliebtheit gestaltet, die man selten sieht. Wenn man durch einen herbstlichen Wald reitet, der in goldenes Licht getaucht ist, könnte man kurzzeitig glauben, ein AAA-Meisterwerk vor sich zu haben. Doch sobald sich die Charaktere bewegen, bricht die Immersion in sich zusammen.

Die Animationen wirken wie aus einer anderen Ära. Die Bewegungsabläufe von Protagonist Juri Miloslawski sind steif, unnatürlich und fühlen sich in den Kämpfen oft „schwammig“ an. Es gibt keine echte Verbindung zwischen dem Controller-Input und der Reaktion auf dem Bildschirm. Wenn man in einen Kampf gerät, fühlt sich das eher wie ein Glücksspiel an, als wie ein präzises Duell.

Das Kampfsystem: Ein Rückschritt

Das Herzstück eines jeden Action-Spiels sollte das Kampfsystem sein. In „Смута“ ist es leider der größte Schwachpunkt. Wir haben es mit einer sehr simplen Abfolge von Angriffen und Paraden zu tun, die jedoch durch eine grauenhafte Treffererkennung (Hitbox-Probleme) bestraft werden. Oft schwingt man das Schwert durch den Gegner hindurch, ohne dass Schaden verursacht wird, während man selbst von einem Gegner getroffen wird, der eigentlich drei Meter entfernt steht.

Es fehlt an taktischer Tiefe. Während man in modernen Genre-Vertretern verschiedene Kampfstile oder komplexe Skill-Trees nutzen kann, bietet „Смута“ nur eine rudimentäre Auswahl an Fähigkeiten, die sich kaum spürbar auf das Spielgeschehen auswirken. Die Gegner-KI ist zudem erschreckend simpel gestrickt. Feinde laufen oft stumpf auf einen zu oder bleiben an der Umgebung hängen, was die ohnehin schon spannungsarmen Kämpfe vollends zur Farce degradiert.

Story und Inszenierung

Die Geschichte basiert auf dem Roman „Juri Miloslawski“ und versucht, die politischen Intrigen der Zeit der Wirren einzufangen. Die Dialoge sind zwar historisch angehaucht und bemüht, wirken aber in der deutschen Lokalisierung (und selbst im Original) oft hölzern und theatralisch. Es fehlt der rote Faden, der den Spieler emotional an Juri bindet. Man erledigt eine Quest nach der anderen, läuft von A nach B, spricht mit NPCs, die kaum Charaktertiefe besitzen, und wartet vergeblich auf den „Aha-Moment“, der die Geschichte wirklich spannend macht.

Technik: Ein Feld voller Stolpersteine

Dass „Смута“ zum Release in einem technisch fragwürdigen Zustand war, ist kein Geheimnis. Aber auch nach den ersten Patches bleibt das Spiel eine Herausforderung für die Geduld. Abstürze, Clipping-Fehler, bei denen man durch den Boden fällt, und Quest-Marker, die nicht erscheinen, sind an der Tagesordnung. Für ein Spiel, das so sehr auf Atmosphäre setzt, sind diese technischen Patzer tödlich. Wenn man gerade in einer emotionalen Zwischensequenz steckt und das Spiel plötzlich einfriert, ist die mühsam aufgebaute Stimmung sofort verflogen.

Fazit: Mehr Geschichtsstunde als Spiel

„Смута“ ist ein Spiel, das man lieben möchte. Die Ambition, ein Stück russische Geschichte spielbar zu machen, ist lobenswert. Doch gute Absichten allein machen noch kein gutes Spiel. Das Werk leidet unter einem Mangel an Feinschliff, einem unausgereiften Kampfsystem und einer technischen Umsetzung, die den heutigen Standards nicht gerecht wird.

Wer sich für russische Geschichte interessiert und bereit ist, über massive spielerische Mängel hinwegzusehen, um die historisch korrekten Kostüme und Schauplätze zu bewundern, findet hier vielleicht ein Nischenprodukt. Allen anderen, die ein flüssiges, spannendes Action-Abenteuer suchen, muss ich jedoch raten: Spart euch die Zeit. „Смута“ ist derzeit leider nur ein schönes Bild in einem kaputten Rahmen. Es bleibt zu hoffen, dass die Entwickler in den kommenden Monaten durch massive Updates noch retten können, was zu retten ist – doch der erste Eindruck bleibt leider ein bitterer.

5.2
/10
MAESSIG

+ PRO

  • +Beeindruckende visuelle Gestaltung der historischen Kostüme und Architektur
  • +Atmosphärische Darstellung der russischen Landschaft des 17. Jahrhunderts
  • +Mutiger Fokus auf ein unterrepräsentiertes historisches Setting

- CONTRA

  • -Extrem hölzerne Animationen und veraltete Spielmechaniken
  • -Zahlreiche Bugs und Performance-Probleme, die den Spielfluss unterbrechen
  • -Monotones Kampfsystem ohne spielerische Tiefe

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