Eine Reise ohne Ziel: Warum Open Roads emotional hängen bleibt, aber spielerisch verblasst
In „Open Roads“ begeben sich Mutter und Tochter auf einen Roadtrip in die Vergangenheit. Ein visuell beeindruckendes Indie-Abenteuer, das jedoch unter seiner spielerischen Beliebigkeit leidet.
Wenn man den Namen Annapurna Interactive auf einem Spielcover liest, schraubt man die Erwartungen automatisch in die Höhe. Man erwartet emotionale Tiefe, eine cineastische Inszenierung und meistens auch eine Geschichte, die noch lange nach dem Abspann im Kopf bleibt. „Open Roads“, entwickelt von Fullbright (bekannt durch „Gone Home“), versprach genau das: Ein intimes Roadmovie über das Erwachsenwerden, die komplizierte Beziehung zwischen Mutter und Tochter und die Geheimnisse, die in alten Familienfotos und verstaubten Dachböden schlummern. Doch nach dem Durchspielen bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück.
Die Prämisse ist stark: Die 16-jährige Tess und ihre Mutter Opal machen sich auf den Weg, um die Wahrheit über die Vergangenheit ihrer Familie herauszufinden. Ein alter Brief, ein verstecktes Erbe und die Suche nach einem verlassenen Ferienhaus bilden den Rahmen. Die Chemie zwischen den beiden Protagonistinnen ist das Herzstück des Spiels. Die Dialoge fühlen sich erfrischend echt an – das typische Aneinandervorbeireden, die kleinen Sticheleien und die Momente, in denen man merkt, dass die Mutter eben auch nur ein Mensch mit eigenen Fehlern und Träumen ist. Hier glänzt „Open Roads“ absolut. Die Sprecherinnen leisten hervorragende Arbeit und verleihen den Charakteren eine Tiefe, die das Skript allein vielleicht nicht immer erreicht hätte.
Auch visuell ist das Spiel ein interessanter Hybrid. Die Charaktere sind handgezeichnet und wirken wie aus einem Graphic-Novel-Film, während die Umgebungen in 3D gehalten sind. Das sorgt für einen einzigartigen Look, der besonders in den detailverliebten Räumen zur Geltung kommt. Man wühlt sich durch alte Kartons, betrachtet Postkarten und liest Tagebucheinträge. Wer „Gone Home“ geliebt hat, wird sich hier sofort heimisch fühlen.
Doch hier beginnt auch das Problem: „Open Roads“ ist ein Spiel, das sich fast ausschließlich über das „Untersuchen von Objekten“ definiert. Und das ist leider auch schon alles. Während man in anderen Walking-Simulatoren durch Umgebungen wandert, um eine Geschichte durch die Welt selbst zu erzählen, fühlt sich „Open Roads“ oft wie eine interaktive Checkliste an. Man klickt auf ein Objekt, dreht es um, liest den Text, klickt auf das nächste. Es gibt kaum spielerische Herausforderungen oder echte Rätsel, die den Geist fordern würden. Man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die eigenen Entscheidungen oder das eigene Handeln einen echten Einfluss auf den Verlauf der Reise haben.
Besonders frustrierend ist das Pacing. Das Spiel ist kurz – nach etwa zwei bis drei Stunden ist der Roadtrip vorbei. Das wäre an sich kein Kritikpunkt, wenn die Geschichte in dieser Zeit einen befriedigenden Bogen spannen würde. Doch das Ende von „Open Roads“ fühlt sich an, als hätte jemand mitten im Satz das Mikrofon ausgeschaltet. Viele der aufgebauten Mysterien verlaufen im Sande oder werden mit einer beiläufigen Bemerkung abgehandelt. Man fragt sich: War das wirklich alles? Die emotionale Auflösung, auf die man hingearbeitet hat, wirkt gehetzt und lässt den Spieler mit mehr Fragen als Antworten zurück – und das nicht auf eine „künstlerisch wertvolle, nachdenkliche“ Art, sondern eher auf eine „wir hatten kein Budget mehr“-Art.
Zudem wirken manche Interaktionen erzwungen. Wenn Tess zum zehnten Mal ein Objekt kommentiert, das für die Handlung absolut irrelevant ist, verliert man als Spieler das Interesse am Erkunden. Das Spiel möchte, dass wir uns in die Welt vertiefen, aber es gibt uns zu wenig Gründe, dies wirklich zu tun. Es ist eine passive Erfahrung, die sich als Spiel tarnt.
Ist „Open Roads“ ein schlechtes Spiel? Nein. Es ist ein atmosphärisches, gut geschriebenes und visuell ansprechendes Stück interaktive Fiktion. Aber es ist ein Spiel, das seine eigenen Ambitionen nicht ganz einlösen kann. Wer eine tiefgründige Geschichte über familiäre Bindungen sucht und kein Problem damit hat, dass das „Spielerische“ fast vollständig in den Hintergrund tritt, der wird hier durchaus seine Freude haben. Wer jedoch ein komplexes Adventure mit spielerischem Anspruch erwartet, wird enttäuscht werden.
„Open Roads“ ist wie ein schöner Roadtrip, bei dem man zwar die Landschaft genießt, aber am Ende feststellt, dass man eigentlich nur im Kreis gefahren ist. Es ist ein Indie-Titel, der in seinen besten Momenten berührt, aber in seiner Gesamtheit leider zu flach bleibt, um wirklich in der Liga der ganz Großen mitzuspielen. Ein solider Zeitvertreib für einen regnerischen Nachmittag, aber kein Meilenstein des Genres.
+ PRO
- +Exzellente, authentische Synchronisation und Dialoge
- +Wunderschöner, handgezeichneter Grafikstil der Charaktere
- +Emotionaler Kern, der komplexe familiäre Dynamiken einfängt
- CONTRA
- -Extrem begrenzter Gameplay-Umfang
- -Das Ende wirkt abrupt und unbefriedigend
- -Interaktionsmöglichkeiten fühlen sich oft wie reine Beschäftigungstherapie an
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