Kettenreaktion des Wahnsinns: Warum Chained Together Freundschaften auf die Probe stellt
In Chained Together seid ihr buchstäblich an eure Freunde gekettet und müsst euch aus der Hölle nach oben kämpfen. Ein physikbasierter Plattformer, der für Lacher sorgt, aber auch den letzten Nerv raubt.
Es gibt Spiele, die man spielt, um sich zu entspannen. Und dann gibt es Spiele wie Chained Together, bei denen man nach einer Stunde den Controller – oder im schlimmsten Fall die Freundschaft – aus dem Fenster werfen möchte. Der Titel, der 2024 wie aus dem Nichts die Steam-Charts und Twitch-Feeds eroberte, ist das Paradebeispiel für ein „Social-Experiment-Spiel“.
Das Grundkonzept ist simpel, fast schon sadistisch: Ihr und bis zu drei Freunde seid durch eine Kette miteinander verbunden. Das Ziel? Raus aus der Hölle, rauf in den Himmel. Was sich anhört wie ein klassischer 3D-Plattformer, entpuppt sich in der Praxis als ein physikalisches Minenfeld.
Wenn die Physik zum Feind wird
Das Herzstück von Chained Together ist die Kette. Sie ist nicht nur ein optisches Gimmick, sondern ein physikalisches Objekt mit Gewicht und Trägheit. Wenn ihr springt, zieht ihr eure Mitspieler mit – oder ihr werdet von ihnen in den Abgrund gerissen, weil jemand den Sprung verpatzt hat. Diese Dynamik sorgt für die besten und die schlimmsten Momente des Spiels.
In einem Moment feiert man einen perfekt abgestimmten Sprung über eine rotierende Plattform, im nächsten Moment hängt man wie ein nasser Sack an einem Vorsprung, während der Kumpel unter einem wild in der Luft zappelt und einen mit in die Tiefe zieht. Das Spiel schafft es meisterhaft, dieses „Wir gegen die Welt“-Gefühl zu erzeugen. Die Steuerung ist dabei zweckmäßig, aber nicht immer präzise. Gerade bei den komplexeren Sprungpassagen fühlt sich die Kollisionsabfrage manchmal etwas schwammig an. Wenn man dann wegen eines unsauberen Treffers an einer Kante den gesamten Fortschritt der letzten 20 Minuten verliert, ist das kein „Game Design“, sondern pures psychologisches Training in Sachen Impulskontrolle.
Frust als Spielmechanik
Man muss ehrlich sein: Chained Together ist kein Spiel für Leute mit schwachen Nerven. Das Fehlen von Checkpoints in vielen Abschnitten ist eine bewusste Entscheidung der Entwickler, die den Druck massiv erhöht. Während das in den ersten Levels noch für Gelächter sorgt, schlägt die Stimmung bei den späteren, vertikalen Kletterpartien oft in echtes Schweigen um. Man merkt, wie die Konzentration steigt und jeder Fehler eines Einzelnen das gesamte Team bestraft.
Kritisch anmerken muss man hierbei die mangelnde spielerische Abwechslung. Die Umgebung ist zwar optisch abwechslungsreich gestaltet – von der feurigen Hölle bis hin zu schwebenden Inseln –, aber spielerisch wiederholt sich das Prinzip „Springen, Balancieren, Klettern“ fast bis zum Erbrechen. Es gibt wenig mechanische Variationen, die den Spieler vor neue Herausforderungen stellen würden. Es ist immer die Kette, die das Problem ist, nicht das Leveldesign selbst.
Für wen ist das Spiel?
Chained Together ist ein Paradebeispiel für ein modernes „Streamer-Spiel“. Es lebt von den Reaktionen der Spieler. Wer alleine spielt, wird den Reiz dieses Titels kaum verstehen. Die Magie entsteht erst im Voice-Chat, wenn man sich gegenseitig anschreit, weil der „Ketten-Partner“ schon wieder in die falsche Richtung gelaufen ist.
Grafisch ist das Spiel solide. Es gewinnt keinen Preis für die fotorealistischste Engine, aber der Stil ist klar, übersichtlich und lässt einen in den entscheidenden Momenten nicht im Stich. Die Musik ist dezent, was auch gut ist, denn das eigentliche „Soundtrack-Erlebnis“ sind ohnehin die Flüche und Lacher eurer Freunde.
Fazit
Chained Together ist kein Meisterwerk der Spielegeschichte, aber es ist ein Meisterwerk des Chaos. Es ist ein Spiel, das man nicht wegen seiner spielerischen Tiefe spielt, sondern wegen der Geschichten, die man danach zu erzählen hat. „Weißt du noch, als wir fast oben waren und du mich versehentlich in den Vulkan geschubst hast?“ – genau dafür ist dieses Spiel gemacht.
Wer eine Gruppe von Freunden hat, die über Frust lachen können, wird hier Gold finden. Wer jedoch präzises Platforming auf einem Niveau wie Celeste oder Super Mario erwartet, wird enttäuscht werden. Es ist ein kurzweiliger, nervenaufreibender Spaß, der genau weiß, was er sein will: Ein digitaler Stresstest für soziale Bindungen. Eine klare Empfehlung für den nächsten Spieleabend, aber legt vorsichtshalber die zerbrechlichen Gegenstände im Raum beiseite.
+ PRO
- +Extrem hoher Unterhaltungswert durch chaotische Physik-Momente
- +Perfektes „Streamer-Spiel“ mit hohem Wiederspielwert
- +Motivierendes Fortschrittsgefühl trotz hoher Schwierigkeit
- CONTRA
- -Teilweise unpräzise Steuerung in engen Passagen
- -Frustrierende Abstürze führen zu massiven Zeitverlusten
- -Wenig Abwechslung im Spieldesign abseits der Kletterei
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