Neon-Rausch mit angezogener Handbremse: Warum Zenless Zone Zero mehr als nur Style ist
Hovers, Hip-Hop und knallharte Action: HoYoverse liefert mit Zenless Zone Zero ein audiovisuelles Meisterwerk ab, das spielerisch jedoch zwischen brillanter Inszenierung und repetitiven Strukturen schwankt.
Wenn man New Eridu betritt, fühlt es sich an, als würde man in ein Musikvideo aus den späten 90ern springen, das mit einer ordentlichen Portion Cyberpunk-Ästhetik und Anime-Charme aufgepeppt wurde. HoYoverse, das Studio hinter den Giganten Genshin Impact und Honkai: Star Rail, hat mit Zenless Zone Zero (ZZZ) ein Spiel geschaffen, das vor Selbstbewusstsein nur so strotzt. Doch hinter der glänzenden Fassade aus Neonlicht und Graffiti verbirgt sich ein Spiel, das trotz seiner spielerischen Brillanz mit einigen strukturellen Altlasten zu kämpfen hat.
Das Kampfsystem: Ein Fest für die Sinne
Fangen wir mit dem an, was ZZZ am besten kann: das Kämpfen. Wer sich Sorgen gemacht hat, dass das Spiel nur ein „Button-Masher“ ist, darf aufatmen. Das Kampfsystem ist ein präzises Ballett aus Ausweichmanövern, Paraden und spektakulären „Chain Attacks“. Wenn man im richtigen Moment ausweicht, verlangsamt sich die Zeit, die Kamera zoomt dynamisch heran und das Trefferfeedback ist so wuchtig, dass man den Aufprall förmlich in den Fingern spürt. Jeder Charakter spielt sich durch unterschiedliche Waffentypen und Spezialisierungen spürbar anders. Die Synergie zwischen den Teammitgliedern zu meistern, erzeugt einen Flow-Zustand, den man in dieser Qualität selten in einem Mobile-First-Titel findet.
Die „TV-Board“-Problematik
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Die größte Kontroverse von ZZZ ist zweifellos das sogenannte „TV-Board“-System. Um durch die „Hollows“ – die gefährlichen Dimensionen, in denen die Missionen stattfinden – zu navigieren, steuert man einen kleinen Cursor über ein Raster aus Fernsehbildschirmen. Das soll wohl eine Art Brettspiel-Feeling erzeugen, wirkt aber in der Praxis wie ein unnötiger Umweg. Während die Action-Sequenzen vor Energie sprühen, fühlt sich die Navigation auf den TV-Boards oft wie eine langatmige Verwaltungsaufgabe an. Man möchte kämpfen, muss sich aber erst durch ein abstraktes Interface klicken, das den Spielfluss massiv ausbremst. Hier hat HoYoverse versucht, das Spiel von einem reinen Action-Titel abzuheben, hat dabei aber leider den „Flow“ geopfert, den das Kampfsystem so mühsam aufbaut.
Style über Substanz?
Man kann ZZZ nicht besprechen, ohne den Art-Style zu erwähnen. Das Spiel sieht fantastisch aus. Die Charakterdesigns sind inspiriert, die Animationen der „Ultimates“ sind kleine Kurzfilme für sich und der Soundtrack – eine Mischung aus Lo-Fi, Hip-Hop und treibendem Drum & Bass – ist absolut erstklassig. New Eridu fühlt sich lebendig an, auch wenn die Interaktionsmöglichkeiten in der Stadt abseits der Läden und NPCs begrenzt sind.
Die Geschichte rund um die „Proxies“ und die Hollows ist solide, leidet aber unter einem Pacing-Problem. Gerade zu Beginn wird man mit einer Flut an Begriffen und Dialogen konfrontiert, die den Einstieg unnötig verkomplizieren. Man merkt dem Spiel an, dass es eine tiefere Lore aufbauen will, doch manchmal wäre weniger „Worldbuilding-Talk“ und mehr „Show, don’t tell“ wünschenswert gewesen.
Das Gacha-Dilemma
Wie bei allen HoYoverse-Titeln ist auch hier das Gacha-System ein zentraler Bestandteil. ZZZ ist fair genug, dass man den gesamten Content auch mit den Standard-Charakteren bewältigen kann, aber der Drang, die neuesten, stylischsten Agenten zu ziehen, ist allgegenwärtig. Die Monetarisierung ist aggressiv, aber transparent. Wer sich auf das System einlässt, sollte sich bewusst sein, dass dies kein klassisches Vollpreisspiel ist, bei dem man alles durch bloßes Spielen freischaltet. Es ist ein „Live-Service“-Produkt, das darauf ausgelegt ist, den Spieler über Monate oder Jahre zu binden.
Fazit
Zenless Zone Zero ist ein ambivalentes Erlebnis. Auf der einen Seite steht eines der befriedigendsten Action-Kampfsysteme der letzten Jahre, verpackt in eine audiovisuelle Präsentation, die ihresgleichen sucht. Auf der anderen Seite stehen Design-Entscheidungen wie die TV-Boards, die den Spielspaß unnötig drosseln.
Wer auf der Suche nach einem schnellen, stylischen Action-Kick für zwischendurch ist und sich nicht an Gacha-Mechaniken stört, wird mit ZZZ seine helle Freude haben. Wer jedoch ein nahtloses, konsistentes Spielerlebnis ohne „Filler-Content“ erwartet, könnte sich an den strukturellen Schwächen des Spiels stören. Dennoch: Zenless Zone Zero ist ein mutiger Schritt in eine neue Richtung und beweist, dass HoYoverse nicht nur „Open World“ kann, sondern auch das Genre der urbanen Action-RPGs meisterhaft beherrscht – wenn man bereit ist, über die kleinen Stolpersteine hinwegzusehen.
+ PRO
- +Einzigartiger, extrem stilsicherer Art-Style und Soundtrack
- +Kampfsystem mit extrem befriedigendem „Game-Feel“ und perfektem Timing
- +Charaktere mit Tiefe und exzellentem Voice-Acting
- CONTRA
- -Die „TV-Board“-Navigation wirkt oft wie ein unnötiger Spielspaß-Bremser
- -Das Gacha-System bleibt ein zweischneidiges Schwert für den Spielfluss
- -Story-Pacing leidet unter zu vielen Dialogen in den frühen Spielstunden
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