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Slitterhead: Ein fiebriger Albtraum zwischen Genialität und technischem Stillstand
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Slitterhead: Ein fiebriger Albtraum zwischen Genialität und technischem Stillstand

Keiichiro Toyama kehrt mit Slitterhead zurück und liefert ein bizarres, blutiges Action-Adventure ab, das spielerisch an die PS2-Ära erinnert – im Guten wie im Schlechten.

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FatimaEzzahra Zouhoum
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Wenn der Name Keiichiro Toyama fällt, schlagen die Herzen von Horror-Fans höher. Als Schöpfer von Silent Hill und Forbidden Siren hat er das Genre geprägt wie kaum ein Zweiter. Mit seinem neuen Studio Bokeh Game Studios hat er nun Slitterhead veröffentlicht – ein Spiel, das sich anfühlt, als wäre es direkt aus einer Zeitkapsel aus dem Jahr 2005 entsprungen. Doch ist das in der heutigen Gaming-Landschaft noch ein Kompliment oder ein Armutszeugnis?

Die Prämisse: Körper-Horror in Neon-Licht

In Slitterhead schlüpfen wir in die Rolle eines körperlosen Wesens namens „Hyoki“, das in einer fiktiven, von Neonlichtern durchfluteten asiatischen Metropole Jagd auf parasitäre Monster macht. Diese sogenannten „Slitterheads“ tarnen sich als Menschen, was zu einer ständigen Paranoia führt. Die Grundidee ist brillant: Wir können von einem menschlichen Wirt zum nächsten springen, um uns durch die Stadt zu bewegen oder im Kampf taktische Vorteile zu erlangen.

Dieses „Possession“-System ist das Herzstück des Spiels. Es fühlt sich großartig an, mitten im Gefecht den Körper eines Polizisten zu verlassen, um als flüchtiger Passant in den Rücken eines Gegners zu springen. Wenn es funktioniert, entfaltet Slitterhead einen Rhythmus, der an die besten Tage von Devil May Cry erinnert, nur eben mit einer deutlich düstereren, body-horror-lastigen Note.

Das Problem mit der Technik

Doch hier endet der Spaß leider oft an der harten Realität der Engine. Slitterhead sieht aus, als hätte es den Sprung in die aktuelle Konsolengeneration verpasst. Die Texturen sind matschig, die Charaktermodelle wirken hölzern und die Animationen bei den Dialogen erinnern eher an ein PS2-Spiel als an einen modernen Titel. Während das Artdesign der Monster – diese grotesken, sich verformenden Fleischberge – absolut erstklassig ist, leidet die Immersion massiv unter der technischen Präsentation.

Noch schwerwiegender ist die Kamera. In den engen Gassen der Stadt, in denen die Kämpfe meist stattfinden, verliert die Kamera ständig den Fokus. Das Lock-on-System springt bei mehreren Gegnern unkontrolliert hin und her, was in einem Spiel, das auf präzises Ausweichen und Kontern setzt, für massiven Frust sorgt. Ich habe mich mehr als einmal dabei ertappt, wie ich gegen die Kamera gekämpft habe, anstatt gegen den Bossgegner vor mir.

Spielerische Redundanz

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Struktur der Missionen. Nach den ersten paar Stunden hat man das Prinzip verstanden: Laufe von Punkt A nach B, kämpfe gegen eine Welle von Gegnern, schaue eine kurze Zwischensequenz, wiederhole das Ganze. Es fehlt an spielerischer Tiefe abseits der Kämpfe. Die Stadt wirkt zwar atmosphärisch dicht, ist aber letztlich nur eine Kulisse ohne echtes Leben. Es gibt kaum Interaktionsmöglichkeiten, keine Rätsel, die den Namen verdienen, und die Nebencharaktere bleiben so blass, dass man ihren Namen bereits vergessen hat, bevor das nächste Kapitel beginnt.

Warum also eine Wertung von 6.8? Weil Slitterhead trotz seiner massiven Mängel eine Seele hat. Es ist ein Spiel, das keine Kompromisse eingeht. Es versucht nicht, ein generischer Blockbuster zu sein, der jedem gefallen will. Die Vision von Toyama ist in jeder Pore spürbar – dieser unangenehme, fiebrige Traum, in dem man nie weiß, wer Freund oder Feind ist. Die Kämpfe, wenn sie denn mal flüssig laufen, sind blutig, schnell und befriedigend. Der Soundtrack von Akira Yamaoka ist zudem ein absolutes Highlight, das die bedrückende Stimmung perfekt einfängt und einen über viele spielerische Durststrecken hinwegtröstet.

Fazit: Ein Nischenprodukt für Liebhaber

Slitterhead ist kein Spiel für die breite Masse. Wer moderne AAA-Standards in Sachen Grafik, Performance und Storytelling erwartet, wird hier bitter enttäuscht werden. Wer jedoch eine Schwäche für japanische B-Movies, bizarres Creature-Design und experimentelle Spielmechaniken hat, könnte in diesem „hässlichen Entlein“ eine faszinierende Erfahrung finden.

Es ist ein Spiel, das man für seine Ambitionen respektieren kann, während man sich gleichzeitig über seine Unzulänglichkeiten ärgert. Es ist ein ungeschliffener Diamant – oder vielleicht eher ein blutiger Splitter, der tief im Fleisch sitzt. Man spürt ihn ständig, er tut ein bisschen weh, aber man kann den Blick einfach nicht abwenden. Für Fans von Toyamas früheren Werken ist es einen Blick wert, alle anderen sollten auf einen Sale warten oder sich vorher Gameplay-Material ansehen. Slitterhead ist ein mutiges Experiment, das leider an seinem eigenen Anspruch und dem begrenzten Budget gescheitert ist.

6.8
/10
OKAY

+ PRO

  • +Einzigartiges, verstörendes Creature-Design, das unter die Haut geht
  • +Innovatives „Possession“-System sorgt für dynamische Kämpfe
  • +Ein Soundtrack, der die bedrückende Atmosphäre perfekt unterstreicht

- CONTRA

  • -Technisch veraltet: Die Grafik wirkt wie ein Relikt aus der frühen PS4-Ära
  • -Kameraführung und Lock-on-System sind in hektischen Momenten frustrierend
  • -Wiederholungsanfälliges Missionsdesign und flache Nebencharaktere

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