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Wortgewaltiger Dungeon-Crawler: Warum du in Cryptmaster deine Zunge im Zaum halten musst
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Wortgewaltiger Dungeon-Crawler: Warum du in Cryptmaster deine Zunge im Zaum halten musst

Cryptmaster ist ein erfrischend origineller Dungeon-Crawler, der das Genre durch eine einzigartige Mechanik revolutioniert: Du steuerst deine Helden nicht mit Tasten, sondern mit der Macht deiner Worte. Ein skurriler Trip in die Unterwelt, der Köpfchen statt Reflexe fordert.

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FatimaEzzahra Zouhoum
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Es gibt Spiele, die versuchen, das Rad neu zu erfinden, und dann gibt es Cryptmaster. Entwickelt von Paul Hart und Lee Williams, ist dieser Dungeon-Crawler ein Paradebeispiel dafür, wie man mit einer simplen, aber genialen Idee ein völlig festgefahrenes Genre aufwirbelt. Vergiss Maus-Klicks oder komplexe Skill-Leisten: In Cryptmaster ist dein wichtigstes Werkzeug dein Vokabular.

Ein Skelett mit Humor

Die Prämisse ist so simpel wie makaber: Du und deine Gruppe aus vier untoten Helden erwacht in den Tiefen einer Gruft. Euer Mentor? Ein sarkastischer, leicht durchgeknallter Totenbeschwörer, der euch durch die Gänge scheucht. Die Atmosphäre ist eine gelungene Mischung aus klassischem Retro-Dungeon-Crawler und einem modernen, schwarzhumorigen Indie-Titel. Der Erzähler ist dabei das absolute Highlight – seine Kommentare sind bissig, motivierend und oft so absurd, dass man laut auflachen muss.

Tippen statt Klicken

Das Herzstück von Cryptmaster ist die Steuerung. Um anzugreifen, Gegenstände zu untersuchen oder Türen zu öffnen, musst du Wörter tippen. Du willst ein Fass zerschlagen? Tippe „smash“. Du willst einen Gegner mit einem Feuerball belegen? Tippe den entsprechenden Zauberspruch, den du zuvor durch Rätsel oder Erkundung freigeschaltet hast.

Das klingt anfangs nach einer Spielerei, entpuppt sich aber schnell als tiefgreifendes System. Man muss ständig überlegen: Welches Wort könnte hier funktionieren? Das Spiel belohnt kreatives Denken. Wenn man vor einem verschlossenen Tor steht und „push“ nicht funktioniert, ist vielleicht „kick“ oder „break“ der Schlüssel. Dieses ständige „Um-die-Ecke-Denken“ macht den Reiz aus, den man in modernen AAA-Titeln oft schmerzlich vermisst.

Die Hürde der Sprache

Hier muss ich jedoch den kritischen Zeigefinger heben: Cryptmaster ist ein Spiel, das exzellente Englischkenntnisse voraussetzt. Da die Worterkennung auf englischen Begriffen basiert, ist das Spiel für Spieler, deren Englisch nicht sattelfest ist, eine echte Barriere. Es gibt zwar Hilfestellungen, aber wer mit Synonymen und englischen Verben kämpft, wird schnell frustriert sein. Zudem ist die Worterkennung nicht immer perfekt. Manchmal weiß man genau, was man tun muss, aber das Spiel akzeptiert das gewählte Wort nicht, weil es eine spezifische Vokabel erwartet. Das kann in hitzigen Kämpfen zu unnötigem Frust führen.

Wenn die Luft raus ist

Ein weiterer Punkt, den man ansprechen muss, ist die Langzeitmotivation. Das Spielprinzip ist brillant, aber nach etwa 10 bis 15 Stunden Spielzeit nutzt sich die „Tipp-Mechanik“ ein wenig ab. Die Kämpfe, die anfangs noch durch die Wort-Kombinationen spannend sind, werden gegen Ende etwas repetitiv. Man hat dann meist seine „Go-to-Wörter“ gefunden, die immer funktionieren, wodurch der kreative Aspekt ein wenig in den Hintergrund rückt. Hier hätten sich die Entwickler vielleicht noch ein paar mehr mechanische Kniffe gewünscht, um das Tempo im letzten Drittel hochzuhalten.

Fazit: Ein Pflichtkauf für Wortakrobaten

Trotz der kleinen Schwächen bei der Worterkennung und der Sprachbarriere ist Cryptmaster eines der innovativsten Spiele des Jahres 2024. Es ist ein Liebesbrief an die alten Dungeon-Crawler der 80er und 90er Jahre, verpackt in ein modernes, geistreiches Gewand.

Wer gerne rätselt, ein Faible für schwarzen Humor hat und keine Angst davor hat, seine Tastatur glühen zu lassen, der kommt an diesem Titel nicht vorbei. Cryptmaster beweist eindrucksvoll, dass man keine High-End-Grafik braucht, um zu fesseln – manchmal reicht ein bisschen Gehirnschmalz und die richtige Wortwahl. Ein kleiner Indie-Juwel, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

EndeNews-Urteil: Ein mutiges Experiment, das fast perfekt aufgeht. Wer das Genre liebt, wird hier seine helle Freude haben – solange sein Englisch sitzt.

8.5
/10
GROSSARTIG

+ PRO

  • +Geniale Sprachsteuerung, die das Genre komplett neu definiert
  • +Herrlich makaberer Humor und ein charismatischer Erzähler
  • +Abwechslungsreiche Rätsel, die echtes 'Aha!'-Gefühl vermitteln

- CONTRA

  • -Die englische Sprachvorgabe schließt Nicht-Muttersprachler teilweise aus
  • -Gelegentliche Frustmomente bei der Worterkennung
  • -Das Kampfsystem nutzt sich gegen Ende etwas ab

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