Ryu Hayabusa im Identitäts-Exil: Wenn Tradition auf Stolpersteine trifft
Ninja Gaiden 4 kehrt nach langer Abwesenheit zurück, doch der Sprung in die moderne Adventure-Ära hinterlässt bei Ryu Hayabusa mehr Narben als Siege.
Es ist fast ein Jahrzehnt her, dass wir Ryu Hayabusa das letzte Mal in einem eigenständigen Abenteuer begleiten durften. Die Ninja Gaiden-Reihe stand immer für eines: kompromisslose Härte, chirurgische Präzision und ein Kampfsystem, das keine Fehler verzieh. Mit Ninja Gaiden 4 versucht Entwickler Team Ninja nun den Spagat zwischen der bewährten Formel und dem modernen Trend zu weitläufigen Adventure-Welten. Doch nach rund 20 Stunden mit dem Titel bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück: Ryu ist zurück, aber er scheint seinen Weg noch nicht ganz gefunden zu haben.
Das Schwert tanzt noch immer
Fangen wir mit dem Positiven an: Das Herzstück des Spiels – der Kampf – ist nach wie vor exzellent. Wenn man in einen Hinterhalt gerät und die „Izuna Drop“-Kombinationen flüssig ineinander übergehen lässt, fühlt sich Ninja Gaiden 4 an wie eine Offenbarung. Die neuen Waffen, insbesondere die kinetischen Wurfklingen, bieten taktische Tiefe und erlauben kreative Spielstile. Die Bosskämpfe sind das absolute Highlight des Spiels. Jeder Gegner erfordert eine eigene Strategie, präzises Timing und das Auswendiglernen von Angriffsmustern. Hier blitzt das alte Ninja Gaiden-Genie auf, das uns damals vor den Bildschirmen verzweifeln und jubeln ließ.
Die offene Welt als Stolperstein
Hier beginnt jedoch das Problem. Die Entscheidung, Ninja Gaiden 4 in eine semi-offene Welt zu verlagern, fühlt sich wie ein erzwungener Kompromiss an. Die Areale sind zwar optisch abwechslungsreich – von nebligen Tempelanlagen bis hin zu neonbeleuchteten Cyber-Metropolen –, aber sie wirken oft leer. Während man in den alten Teilen von einem intensiven Kampf in den nächsten geworfen wurde, verbringt man hier zu viel Zeit mit dem Durchqueren von Arealen, die spielerisch wenig bieten. Das „Adventure“-Element, das der Titel betont, beschränkt sich meist auf simple Schalterrätsel oder das Suchen von Schlüsseln, um verschlossene Tore zu öffnen. Das bremst den Spielfluss massiv aus und nimmt dem Spiel die Dringlichkeit, die ein Ninja-Abenteuer eigentlich ausstrahlen sollte.
KI-Defizite und technisches Licht und Schatten
Ein weiterer Kritikpunkt ist die künstliche Intelligenz. Während Bosse fordernd sind, agieren die Standard-Gegner oft erschreckend passiv. Man steht häufig vor einer Gruppe von Feinden, die darauf warten, dass man sie nacheinander ausschaltet, anstatt den Spieler aggressiv zu bedrängen. Das nimmt dem Spiel den „Survival“-Faktor, der die Serie einst definierte.
Technisch präsentiert sich das Spiel solide, aber nicht bahnbrechend. Die Framerate bleibt in den hitzigen Kämpfen stabil, was bei diesem Genre überlebenswichtig ist. Dennoch wirken manche Texturen in der Umgebung, besonders bei näherer Betrachtung der Architektur, etwas veraltet. Die Story wiederum ist das, was man von der Reihe erwartet: eine wirre Aneinanderreihung von Dämonen-Prophezeiungen und Rache-Motiven. Wer hier eine tiefgründige Erzählung sucht, wird enttäuscht. Aber seien wir ehrlich: Niemand spielt Ninja Gaiden wegen der philosophischen Tiefe. Dennoch hätte man sich hier etwas mehr Mühe geben können, um die Welt lebendiger wirken zu lassen.
Fazit: Ein Ninja auf der Suche nach dem Fokus
Ninja Gaiden 4 ist kein schlechtes Spiel. Es ist ein kompetentes Action-Adventure, das in seinen stärksten Momenten zeigt, warum diese Serie Kultstatus genießt. Doch der Versuch, sich modernen Trends anzupassen, hat die Identität des Spiels verwässert. Die Open-World-Elemente fühlen sich wie Ballast an, der den Spieler von dem abhält, was er eigentlich tun will: Dämonen in Stücke schneiden.
Für Fans der Serie ist das Spiel aufgrund des Kampfsystems dennoch eine Empfehlung wert, auch wenn man die Erwartungen an eine „Revolution“ des Genres herunterschrauben sollte. Ninja Gaiden 4 ist ein solider, aber kein herausragender Titel. Es ist ein Spiel, das sich zwischen den Stühlen befindet: zu wenig „Ninja Gaiden“ für die Puristen, zu wenig „Modern Adventure“ für die breite Masse. Ryu Hayabusa hat den Sprung in die neue Ära geschafft, aber er ist dabei ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten. Wir hoffen, dass ein möglicher fünfter Teil die Lehren aus diesem Experiment zieht und sich wieder auf die Stärken besinnt, die Ryu einst zum unangefochtenen König der Action-Spiele machten.
+ PRO
- +Das Kampfsystem bleibt in seinen Grundzügen das präziseste Genre-Highlight.
- +Technisch beeindruckende Boss-Inszenierungen mit hohem Schauwert.
- +Soundtrack und Sound-Design fangen die düstere Atmosphäre perfekt ein.
- CONTRA
- -Die neue Open-World-Struktur verwässert das straffe Pacing der Vorgänger.
- -Deutliche Schwächen in der KI der Standard-Gegner.
- -Storytelling wirkt wie ein Relikt aus der PS3-Ära, ohne den Charme der Klassiker.
FAZIT
Ryu Hayabusas Rückkehr glänzt im Kampfsystem, verliert durch die neue Open-World-Struktur aber das präzise Pacing der Vorgänger.
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