Volldampf voraus in die Leere: Warum Voidtrain süchtig macht, aber an den Schienen rüttelt
In Voidtrain bauen wir uns unseren eigenen interdimensionalen Zug durch das Nichts. Ein faszinierendes Survival-Konzept, das zwischen genialem Design und frustrierendem Grind balanciert.
Es gibt diese Momente in Voidtrain, in denen man einfach nur auf dem Dach seines selbstgebauten Gefährts steht, während man durch eine surreale, neonfarbene Leere rast, und sich fragt: „Warum hat das eigentlich noch niemand vorher so gemacht?“ Das Indie-Studio Nearga hat mit Voidtrain eine Vision umgesetzt, die auf dem Papier wie ein Fiebertraum klingt: Survival-Crafting, aber auf einem Zug, der durch eine physikalisch unmögliche Dimension fährt. 2025 ist das Spiel nun endlich aus seiner langen Reifephase heraus, und nach dutzenden Stunden auf den Schienen des Nichts ist mein Urteil so gespalten wie die Realität im Spiel selbst.
Der Zug ist der Star
Das Herzstück von Voidtrain ist zweifellos der Zug. Was als mickrige Lore beginnt, die man mühsam mit der Hand anschubst, entwickelt sich über die Spielstunden zu einer rollenden Festung. Das Bausystem ist intuitiv und befriedigend. Wenn man das erste Mal eine neue Werkbank installiert oder den Wagen um ein weiteres Segment erweitert, stellt sich dieses klassische „Nur noch eine Minute“-Gefühl ein. Man plant, man optimiert, man flucht über den Platzmangel – und genau das macht den Reiz aus. Der Zug ist nicht nur ein Fortbewegungsmittel, er ist das einzige Stück Sicherheit in einer Welt, die einen ständig fressen will.
Die visuelle Gestaltung der „Void“ ist dabei das größte Plus des Spiels. Die Umgebungen wechseln zwischen bedrohlicher Leere, schwebenden Inseln und bizarren, technologischen Ruinen. Das Spiel schafft es, ein Gefühl von Isolation zu vermitteln, das durch das rhythmische Klackern der Schienen unter einem fast schon meditativ wirkt – bis dann plötzlich ein Schwarm fliegender Kreaturen angreift.
Wenn die Routine zur Last wird
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und der Schatten von Voidtrain ist die Monotonie. Das Spielprinzip basiert auf einem Loop: Zug fahren, Ressourcen aus der Luft angeln, anhalten, Insel erkunden, Ressourcen sammeln, weiterfahren. Während die ersten zehn Stunden wie im Flug vergehen, schleichen sich danach Ermüdungserscheinungen ein. Die Inseln, die man zur Ressourcenbeschaffung besucht, wirken nach einiger Zeit generisch. Man hat das Gefühl, die gleiche Ruine zum zehnten Mal zu plündern, nur mit einem anderen Anstrich.
Hier zeigt sich die Schwäche vieler Survival-Titel: Der „Grind“. Um den Zug auf das nächste Level zu bringen, benötigt man Materialien, die man oft nur durch stundenlanges Warten und Angeln in der Leere bekommt. Das ist entspannend, ja, aber es ist kein „Gameplay“ im klassischen Sinne. Wenn ich 20 Minuten lang nur darauf warte, dass mein Zug eine bestimmte Strecke zurücklegt, während ich mit einem Haken nach Treibgut fische, verliere ich den Faden. Hier hätte ich mir mehr dynamische Events gewünscht, die den Spieler zwingen, den Zug aktiv zu verteidigen oder zu manövrieren, statt nur passiv zuzusehen.
Kampf und Steuerung: Luft nach oben
Ein weiterer Punkt, der mich immer wieder aus der Immersion gerissen hat, ist das Kampfsystem. Die Kämpfe gegen die „Void-Kreaturen“ oder feindliche Soldaten fühlen sich oft etwas hölzern an. Das Trefferfeedback ist schwammig, und die KI der Gegner ist selten eine Herausforderung – sie rennen meist stumpf auf einen zu oder bleiben an der Geometrie hängen. Da das Spiel viel Wert auf das Crafting von Waffen legt, hätte ich mir gewünscht, dass sich die Schießereien auch knackiger anfühlen. Es ist kein Shooter, das ist klar, aber in einem Spiel, in dem ich meine Basis gegen Angriffe verteidigen muss, sollte der Kampf mehr Spaß machen als er es aktuell tut.
Fazit: Eine Reise wert, aber mit Verspätung
Voidtrain ist ein Spiel für Entdecker und Bastler. Wer gerne optimiert, baut und sich in einer stimmungsvollen, surrealen Welt verlieren möchte, wird hier hunderte Stunden versenken können. Die Atmosphäre ist erstklassig, und die Idee, den Zug als mobiles Zuhause zu nutzen, ist brillant umgesetzt.
Doch man darf nicht verschweigen, dass das Spiel an seiner eigenen Struktur leidet. Die Leerlaufphasen sind zu lang, der Grind ist zu präsent und das Kampfsystem wirkt wie ein notwendiges Übel, statt wie ein integraler Bestandteil des Spaßes. Wer über diese Ecken und Kanten hinwegsehen kann, findet hier ein einzigartiges Indie-Erlebnis, das in der aktuellen Spielelandschaft seinesgleichen sucht.
Voidtrain ist wie eine Zugfahrt durch ein wunderschönes, aber manchmal etwas langweiliges Land: Die Aussicht ist fantastisch, aber man wünscht sich manchmal, der Zug würde einfach ein bisschen schneller fahren. Für Fans des Genres eine klare Empfehlung – für alle anderen ein Spiel, das man vielleicht erst im Sale mitnehmen sollte.
+ PRO
- +Einzigartiges Setting mit hohem Wiederkennungswert
- +Das modulare Zug-Bausystem motiviert enorm
- +Atmosphärisches Sounddesign und gelungene Grafik-Stimmung
- CONTRA
- -Repetitives Gameplay in den Leerlauf-Phasen
- -Steuerung und Kampf fühlen sich oft etwas 'schwammig' an
- -Technischer Feinschliff lässt an manchen Stellen zu wünschen übrig
FAZIT
Ein einzigartiges Survival-Crafting auf Schienen durch die Leere, dessen Grind-Phasen und schwammiger Kampf den genialen Kern ausbremsen.
VERWANDTE ARTIKEL
Don't Starve Together Review: Unser ausfuehrlicher Test
Klei Entertainments Don't Starve Together im Test - Lohnt sich der Kauf? Unser Review mit Wertung und Fazit.
Don't Starve Together: Crafting-Guide - Alle Rezepte und Materialien
Unser crafting guide fuer Don't Starve Together - alle wichtigen Tipps, Tricks und Strategien im Ueberblick.
Zwischen Kaffeemaschinen und Quanten-Katastrophen: Warum Abiotic Factor süchtig macht
Abiotic Factor ist die wissenschaftliche Antwort auf Survival-Hits wie Rust oder The Forest, verpackt in eine charmante 90er-Jahre-Forschungseinrichtung. Ein Spiel, das zeigt, dass man für exzellentes Gameplay keine High-End-Grafik braucht.
Subnautica 3 Review: Unser ausfuehrlicher Test
Unknown Worlds' Subnautica 3 im Test - Lohnt sich der Kauf? Unser Review mit Wertung und Fazit.