Zwischen Neon-Noir und Existenzangst: Warum The Drifter uns nicht mehr loslässt
In diesem atmosphärischen Indie-Thriller schlüpfen wir in die Rolle eines Mannes, der in einer Spirale aus Mord und Verschwörung feststeckt. Ein point-and-click Abenteuer, das mehr Fragen stellt, als es beantwortet.
Es gibt diese Spiele, die man startet, ohne zu wissen, worauf man sich einlässt – und dann ist es plötzlich drei Uhr morgens. The Drifter, das neue Werk aus der Indie-Schmiede, gehört zweifellos in diese Kategorie. Als ich das erste Mal in die verregneten, neonbeleuchteten Straßenzüge dieses Spiels eintauchte, fühlte ich mich sofort an die goldenen Zeiten der Noir-Adventures erinnert. Doch täuscht euch nicht: Das hier ist kein nostalgischer Abklatsch, sondern ein psychologischer Trip, der an die Nieren geht.
Die Geschichte beginnt klassisch, fast schon klischeehaft: Unser Protagonist Mick Carter wird Zeuge eines Mordes und findet sich kurz darauf selbst im Fadenkreuz einer Organisation wieder, die man besser nicht verärgern sollte. Was folgt, ist eine Flucht, die sich weniger wie eine Action-Sequenz und mehr wie ein langsames, quälendes Erwachen aus einem Albtraum anfühlt. Die Stärke von The Drifter liegt in seiner Erzählweise. Das Spiel nimmt sich Zeit. Es lässt uns die Einsamkeit spüren, die Paranoia, das Gefühl, dass jeder Schatten hinter der nächsten Ecke eine Bedrohung darstellen könnte.
Visuell ist das Spiel ein absolutes Brett. Die Pixel-Art ist nicht einfach nur „Retro-Stil“, sondern eine bewusste Entscheidung für eine Ästhetik, die durch geschicktes Lighting und dynamische Kamerafahrten eine cineastische Tiefe erreicht, die man in diesem Genre selten sieht. Wenn der Regen gegen die Scheiben peitscht und das flackernde Licht einer Leuchtreklame die Wohnung in ein unheimliches Blau taucht, vergisst man schnell, dass man hier eigentlich „nur“ auf statische Hintergründe klickt.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und hier muss ich als Journalist kritisch werden. Während die Story mich voll in ihren Bann zog, gab es Momente, in denen ich das Spiel am liebsten deinstalliert hätte. Ich spreche von den Rätseln. Point-and-Click-Adventures leiden oft unter dem „Benutze-Gegenstand-X-mit-Gegenstand-Y“-Syndrom, und The Drifter ist davon nicht gefeit. An einigen Stellen fühlte es sich so an, als hätten die Entwickler künstliche Barrieren eingebaut, nur um die Spielzeit zu strecken. Ein Beispiel: Um ein einfaches Schloss zu knacken, muss man eine Kette von Aktionen ausführen, die so unlogisch ist, dass man ohne Guide kaum darauf kommen kann. Das bricht den „Flow“ der eigentlich so dichten Erzählung massiv. Wenn ich gerade mitten in einer hochspannenden Verfolgungsjagd stecke, will ich nicht erst drei Räume durchsuchen, um eine Büroklammer zu finden, die ich mit einem Kaugummi kombinieren muss. Das ist altes Design in einem modernen Gewand, das hier einfach nicht mehr zeitgemäß wirkt.
Ein weiterer Punkt, der mir bei meinem Test auf der Konsole negativ aufgefallen ist, ist die Steuerung. Während sich das Spiel mit der Maus butterweich spielt, fühlt sich die direkte Steuerung mit dem Controller etwas schwammig an. Man navigiert Mick durch die Szenen, doch manchmal bleibt er an Objekten hängen oder die Interaktionspunkte sind so klein, dass man den Cursor minutenlang über den Bildschirm jagen muss, um den entscheidenden Pixel zu finden. Das ist frustrierend und nimmt der Immersion einiges an Kraft.
Dennoch: Trotz dieser Schwächen ist The Drifter ein Spiel, das man gespielt haben muss, wenn man für Geschichten brennt, die einen nicht an der Hand führen. Es ist kein Spiel für zwischendurch. Es erfordert Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf eine Geschichte einzulassen, die keine einfachen Antworten liefert. Die Charaktere sind glaubwürdig, ihre Motivationen nachvollziehbar und das Ende – ohne zu viel zu verraten – lässt einen mit einem mulmigen Gefühl zurück, das noch Tage später nachwirkt.
Der Soundtrack verdient an dieser Stelle ein besonderes Lob. Die minimalistischen, fast schon bedrohlichen Synthie-Klänge untermalen die Stimmung perfekt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es ist diese Art von Sound-Design, die man erst bemerkt, wenn sie fehlt.
Fazit: The Drifter ist kein perfektes Spiel. Es hat seine Ecken und Kanten, die Rätsel-Logik ist manchmal aus der Zeit gefallen und die Steuerung auf dem Controller könnte präziser sein. Aber: Es ist eines der atmosphärischsten Spiele, die ich in diesem Jahr bisher in den Händen hielt. Wer über die spielerischen Hürden hinwegsehen kann und eine Geschichte sucht, die einen wirklich packt, der wird hier fündig. EndeNews.de gibt eine klare Empfehlung für alle, die sich gerne in düsteren Welten verlieren. Es ist ein Indie-Titel mit Herz, Seele und einer Menge Schatten – genau so, wie ein guter Noir-Thriller sein muss.
+ PRO
- +Herausragende, düstere Pixel-Art-Ästhetik mit filmischer Inszenierung
- +Packende, erwachsene Story, die den Spieler ständig zweifeln lässt
- +Soundtrack, der die bedrückende Stimmung perfekt unterstreicht
- CONTRA
- -Einige Rätsel wirken arg konstruiert und bremsen den Erzählfluss
- -Die Steuerung auf Konsolen fühlt sich im Vergleich zur Maus etwas hölzern an
FAZIT
Ein erwachsener, filmisch inszenierter Noir-Point-and-Click mit packender Story, bei dem einige Rätsel den Erzählfluss stören.
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