Eine Retro-Überraschung aus London
Ein seit 2009 aufgelöster Publisher kündigt die Rückkehr der 3DO an, einer Konsole aus dem Jahr 1993. 33 Jahre nach ihrem Marktstart soll die Plattform ein zweites Leben erhalten, wie das Unternehmen auf einer Pressekonferenz mitteilte. Konkrete Details fehlen: weder ein Zeitplan noch Hardware-Spezifikationen wurden genannt.
Die ursprüngliche S-Version der 3DO Interactive Multiplayer von Panasonic, realisiert von der 3DO Company (gegründet 1991 durch Trip Hawkins), nutzte einen 32-Bit-ARM-Architektur-Chip mit 12,5 MHz und 2 MB RAM. Sie war die erste Konsole mit CD-ROM-Laufwerk und Full-Motion-Video, technisch ihrer Zeit voraus, aber mit 699 US-Dollar Startpreis (1993) kommerziell ein Flop. Weltweit wurden nur etwa 2 Millionen Geräte verkauft, zum Vergleich: der SNES verkaufte sich über 49 Millionen Mal.
Der ursprüngliche Publisher: Aufstieg und Fall der 3DO Company
Die 3DO Company veröffentlichte von 1993 bis 2003 über 150 Spiele, darunter Road Rash (1994, 500.000 verkaufte Einheiten), The Need for Speed (1994, erster Ableger der EA-Serie, über 500.000) und Gex (1994, 250.000). 1996 stellte das Unternehmen den Konsolenbetrieb ein und wurde reiner Software-Publisher. Nach sinkenden Umsätzen, 2002 nur noch 12,5 Millionen Dollar, meldete die Firma 2003 Insolvenz an. Die Markenrechte wurden in Teilen an Liquidatoren und Dritte verkauft, darunter an Ziggurat Interactive (2020) und Atari (via Infogrames).
Der jetzige Ankündiger, ein britischer Publisher, der sich nicht namentlich nennt, soll laut eigenen Angaben die Rechte an der Marke 3DO sowie an einem Rückstand von 23 Titeln erworben haben. Nachfragen bei ehemaligen 3DO-Entwicklern blieben unbeantwortet. Der ursprüngliche CEO Trip Hawkins äußerte sich auf Twitter: „Ich habe keine Kenntnis von diesem Deal. Die Marke gehörte zuletzt dem Konkursverwalter. Das riecht nach einer Fassade.“
Wer hält die Rechte? Ein schwelender Streit
- Der Publisher behauptet, alle nötigen Lizenzen zu besitzen.
- Diese Behauptung wird von mehreren Seiten öffentlich angezweifelt.
- Die ursprünglichen Hardware-Partner Panasonic und Matsushita haben bisher keine Stellungnahme abgegeben.
Rechtliche Grauzonen sind in der Retro-Industrie der Normalfall. Der Fall Intellivision zeigt, wie komplex Markenrechte sein können: 2022 klagte die neue Eigentümerin Atari gegen den Entwickler von Intellivision-Amico wegen Markenverletzung und bekam recht. Anders lief es beim Coleco Chameleon (2016), der als Betrug entlarvt wurde, weil der Hersteller keine echte Hardware vorlegte. Ein 3DO-Revival ohne klare Rechte könnte ebenfalls vor Gericht landen.
„Nicht legitim“, die Ablehnung formiert sich
In Foren wie ResetEra und Reddit wird das Projekt als „not legitimate“ abgestempelt. Ein Beitrag mit 1.200 Upvotes listet alle Widersprüche auf: Der angebliche Publisher ist nicht auf der offiziellen Markendatenbank der EUIPO eingetragen, und der Sitz im Londoner Stadtteil Soho ist ein Co-Working-Space. Ein ehemaliger 3DO-Entwickler, der anonym bleiben will, sagte gegenüber Retro Gamer UK: „Diese Leute haben kein Inventar, keine Entwickler-Verträge, nur eine Webseite und eine Pressemitteilung. Das erinnert an die Zeit, als jemand versuchte, das Neo Geo CD-System als Blockchain-Konsole zu verkaufen, alles heiße Luft.“
Offizielle Stellungnahmen der ursprünglichen Rechteinhaber liegen nicht vor. Die Samsung Group, die ebenfalls Lizenzen für 3DO-Produkte hielt, ließ auf Anfrage mitteilen: „Wir kommentieren laufende Verfahren nicht.“ Der Druck auf das Unternehmen steigt: Einige Retro-Händler wie Limited Run Games haben bereits erklärt, keine unautorisierten 3DO-Produkte zu vertreiben.
Vergleichbare Retro-Revivals: Was lief schief?
- Atari VCS (2021): Nach Crowdfunding und Verzögerungen ausgeliefert, Hardware mischte Linux und x86, Verkaufszahlen unter 100.000.
- Commodore 64 Mini (2018): Legal lizenziert, 400.000 Einheiten verkauft, Erfolg durch klare Recheklärung.
- PlayStation Classic (2018): 500.000 Einheiten, aber Kritik wegen Auswahl und Emulation, Sony zog die Notbremse.
- Coleco Chameleon (2016): Nie ausgeliefert, Betrugsvorwürfe, Gerichtsverfahren eingestellt mangels Vermögens.
- Evercade (2020): Lizenzmodell mit über 30 Partnern, 1 Million verkaufte Kassetten, funktioniert nur durch transparente Verträge.
Das 3DO-Projekt ähnelt am ehesten dem Coleco Chameleon: viel Ankündigung, wenig Substanz. Ohne nachweisbare Lizenzen und funktionsfähige Hardware wird es kaum über die Crowdfunding-Phase kommen.
Ein schmaler Grat zwischen Nostalgie und Fakes
Die 3DO-Konsole war ihrer Zeit technisch voraus, sie bot 24-Bit-Farben, standardmäßigen CD-Sound und Controller mit Schultertasten, aber kommerziell nie profitabel. Eine Neuauflage müsste nicht nur Fans überzeugen, sondern auch die rechtlichen Hürden nehmen. Der Markt für Retro-Hardware ist hart umkämpft: 2023 wurden weltweit etwa 8 Millionen Classic-Konsolen verkauft (NES Mini, PS1 Classic, etc.), aber die meisten lizenziert. Sollte sich der Publisher tatsächlich als rechtmäßiger Inhaber erweisen, stünde einem echten 3DO-Comeback nichts im Wege, die Verzögerung der Ankündigung auf den 34. Jahrestag des US-Starts (September 2027) deutet jedoch auf eine noch unfertige Strategie hin.