Die Schattenseite des Erfolgs
Die Amazon-Serie The Boys schloss ihre finale Staffel ab, während das Erbe der ursprünglichen Comics von Garth Ennis und Darick Robertson unter Fans weiterhin für Distanz zur TV-Adaption sorgt. Während die Serie Rekordzahlen für den Dienst generierte, opferte sie den beißenden Nihilismus der Vorlage zugunsten einer narrativen Struktur, die eher gängigen Superhelden-Dramen ähnelt.
Entwickelt wurde die TV-Produktion von Eric Kripke, der zuvor durch die langjährige Serie Supernatural und die Entwicklung von Revolution bekannt wurde. Kripke wählte einen Ansatz, der den Fokus von der bloßen Schockwirkung der Vorlage auf politische Allegorien und aktuelle gesellschaftliche Themen verschob.
Was die Comics besser machen
Die Comics begannen ihre Laufbahn 2006 bei Wildstorm, einem Imprint von DC Comics, wurden jedoch nach nur sechs Ausgaben aufgrund der expliziten Gewalt und der religionskritischen Inhalte eingestellt. Dynamite Entertainment übernahm die Serie ab 2007 und bot Ennis die notwendige redaktionelle Freiheit, um die Dekonstruktion des Superhelden-Genres auf die Spitze zu treiben.
Die Unterschiede in der Erzählweise fallen gravierend aus:
- Die Comics setzen auf eine visuelle Sprache von Darick Robertson, die bewusst hässlich und übersteigert wirkt, um die Korruption der handelnden Figuren zu verdeutlichen.
- Ennis verzichtet auf lange Dialoge über psychologische Traumata und fokussiert sich stattdessen auf die absolute Machtlosigkeit der normalen Menschen gegenüber den Vought-Produkten.
- Während die Serie soziale Medien als zentrales Element der Manipulation nutzt, basieren die Comics auf einer Welt, in der die Superhelden eine Art bürokratische Instanz darstellen, die jede moralische Kontrolle überflüssig macht.
Ein Vergleich der Charaktere
In der Serie wird Homelander als ein Produkt seines Kindheitstraumas dargestellt, was ihn für das Publikum teilweise berechenbar macht. In den Comics existiert diese Hintergrundgeschichte in dieser Form nicht, was ihn zu einer unberechenbaren, rein soziopathischen Gefahr macht.
Die Dynamik innerhalb des Teams The Boys unterscheidet sich ebenfalls deutlich:
- In der Vorlage verfügen alle Mitglieder des Teams über übermenschliche Kräfte durch das Compound V, während die Serie sie weitgehend menschlich hält, um die Bedrohung durch die Supes zu vergrößern.
- Der Charakter Hughie Campbell ist in den Büchern physisch schwächer und psychisch instabiler, was den Prozess seiner Radikalisierung durch Billy Butcher drastischer wirken lässt.
- Die Beziehung zwischen Butcher und Homelander eskaliert in der Vorlage in einer Weise, die keinen Raum für strategische Spielchen oder politische Absprachen lässt.
Mehr als nur eine Adaption
Der Erfolg der Serie führte zu Ablegern wie The Boys Presents: Diabolical oder Gen V, die das Universum weiter ausdehnen. Diese Erweiterungen existieren unabhängig von der ursprünglichen Vision von Ennis, die mit der Ausgabe Nummer 72 endete.
Die Entwicklung dieses Franchises lässt sich mit anderen Werken vergleichen, die ebenfalls eine Transformation von Print zu Film durchliefen:
- Preacher, ebenfalls von Garth Ennis, erlebte bei der Adaption durch AMC ähnliche Kürzungen bei den kontroversen Elementen.
- Watchmen von Alan Moore bleibt weiterhin der Goldstandard der Superhelden-Dekonstruktion, während The Boys den Fokus stärker auf die kommerzielle Ausbeutung von Helden legt.
- Die Serie von Amazon investiert hohe Budgets in digitale Effekte, um die Action-Sequenzen den Standards von Marvel Studios oder DC Extended Universe anzugleichen.
Diese visuelle Politur entfernt die rohe, beinahe amateurhaft wirkende Aggressivität, die das Gefühl der Bedrohung in den Comics definierte. Die Verkaufszahlen der Sammelbände stiegen nach dem Start der TV-Serie sprunghaft an, was dazu führte, dass Dynamite Entertainment die Reihe in diversen Neuauflagen und Hardcover-Editionen weiter vermarktet. Die TV-Serie endet dort, wo das Studio den größten kommerziellen Konsens fand, während die Comics ihr Ende konsequent in einer finalen Konfrontation suchten, die keine Helden übrig lässt.