Abschied vom Regel-Gral
Aventuria ist da, und es ist nicht der erwartete digitale DSA-Klon. Der Test auf Eurogamer.de macht klar: Wer das komplexe Regelwerk von Das Schwarze Auge liebt, wird hier Abstriche machen müssen.
Das Spiel schlankt die Mechaniken rigoros ein. Talente, Kämpfe und Proben laufen flüssiger, aber weniger tief. Für Puristen fühlt sich das wie Verrat am Erbe an.
Zugänglichkeit als Trumpf
Dafür öffnet Aventuria die Tür für Neulinge. Die Reduzierung des Regelwerks senkt die Einstiegshürde massiv.
- Keine stundenlangen Charakter-Erstellungs-Sessions
- Kämpfe sind direkter, weniger würfellastig
- Die Geschichte steht im Vordergrund, nicht der Regel-Paragraf
Das Ergebnis ist ein Rollenspiel, das sich eher wie ein klassisches Adventure mit DSA-Flair spielt. Wer die Aventurien-Lore liebt, aber mit den komplexen Würfelorgien fremdelt, findet hier eine echte Alternative.
Für wen lohnt sich der Einstieg?
Die Zielgruppe ist klar: Aventuria ist kein Ersatz für DSA 5, es ist ein eigenständiges Erlebnis. Veteranen, die auf jede Probe im Kampf bestehen, werden enttäuscht.
Einsteiger und Gelegenheitsspieler hingegen bekommen ein zugängliches Fantasy-Rollenspiel mit der vertrauten Aventurien-Kulisse. Der Preis für die Vereinfachung: taktische Tiefe und Spontanität der Pen-and-Paper-Vorlage müssen draußen bleiben.
Aventuria ist ein Kompromiss. Er funktioniert, aber nur, wenn man bereit ist, die alten Gewohnheiten über Bord zu werfen.
Entwickler zwischen Tradition und Moderne
Aventuria stammt vom Hamburger Studio Noumena Games. Das Team sammelte Erfahrung mit der Drakensang-Reihe, zwei DSA-Rollenspielen aus den Jahren 2008 bis 2010. Drakensang: Am Fluss der Zeit verkaufte sich laut Publisher-Berichten rund 150.000 Mal.
Nach dem Ende der Reihe wandte sich Noumena kleineren Projekten zu. Aventuria entstand über einen Zeitraum von 30 Monaten mit 22 festen Angestellten. Ulisses Spiele, die Rechteinhaber von Das Schwarze Auge, begleiteten die Entwicklung als Lizenzgeber.
Das Resultat zeigt eine Abkehr vom Drakensang-Ansatz. Statt epischer Kampagnen mit viel Regeltiefe setzt Noumena auf lineare Erzählung und reduzierte Mechanik. Das Studio riskiert damit den Unmut der Kernspieler, gewinnt aber eine neue Zielgruppe.
Vergleich mit anderen Pen-and-Paper-Umsetzungen
Im aktuellen Markt für digitale Rollenspiele sticht Aventuria durch seinen niedrigen Komplexitätsgrad heraus. Baldur's Gate 3 (2023) von Larian Studios bietet 74 Unterklassen und Dutzende Zauber. Solasta (2020) simuliert jeden Rettungswurf als 3D-Animation.
Aventuria geht den Gegenweg. Es kürzt die 21 Geweihten-Göttersphären des DSA-Kerns auf sechs. Die Fertigkeitenliste schrumpft von über 30 auf 12. Solche Vereinfachungen ziehen sich durch das gesamte Spiel.
Vergleichbare Titel sind The Dark Eye: Chains of Satinav (2012), ein Adventure mit stark reduziertem RPG-Anteil, und Blackguards (2014), das taktische Kämpfe in den Fokus stellte. Aventuria positioniert sich genau dazwischen: erzählerisch, aber mit RPG-Elementen.
Damit ist das Spiel kein direkter Konkurrent zu Larians Blockbuster. Es bedient eine Nische: Spieler, die Aventurien erleben wollen, ohne sich durch Regelhandbücher zu kämpfen.