Von Null auf Nolan
Christopher Nolans erste Regiearbeit entstand 1998 in einer Zeit, in der das britische Independent-Kino unter dem Mangel an staatlicher Förderung litt. Mit einem Budget von 6.000 Dollar finanzierte er Following aus eigener Tasche und drehte ausschließlich an den Wochenenden, da der Cast sowie die Crew unter der Woche regulären Jobs nachgingen.
- Drehort: Die privaten Wohnungen seiner Freunde in London dienten als Kulissen für die Kriminalhandlung.
- Technik: Nolan nutzte eine 16mm-Kamera und verfügte über kein Licht-Equipment, weshalb er ausschließlich mit natürlichem Tageslicht arbeitete.
- Produktion: Nolan gründete für das Projekt seine eigene Firma Syncopy, die heute als Produktionshaus für seine Blockbuster wie Oppenheimer fungiert.
Die Ästhetik des Films korrespondiert mit dem Dogma-Stil der späten 90er Jahre, bei dem die Notwendigkeit der Mittel die filmische Sprache diktierte. Die geringe Lichtstärke zwang ihn zu einer Kameraführung, die später in Memento als bewusste Stilentscheidung für die klaustrophobische Atmosphäre übernommen wurde.
Worum geht's?
Ein junger Schriftsteller, Bill, beginnt Fremden in London zu folgen, um Inspirationen für sein ungeschriebenes Werk zu gewinnen. Er trifft auf den Einbrecher Cobb, der ihn in die Welt des Wohnungseinbruchs einführt und ihm beibringt, wie man durch das Eindringen in fremde Privaträume Macht über andere ausübt.
- Struktur: Der Film nutzt drei verschiedene Zeitebenen, die durch die Frisur und die Verletzungen des Protagonisten markiert sind.
- Motivik: Die Themen Identitätsverlust und Manipulation durch Dritte bilden das Skelett der Erzählung.
- Genre-Kontext: Nolan orientierte sich an den frühen Werken des Film Noir, etwa an Fritz Langs M oder den Arbeiten von Alfred Hitchcock.
Die nichtlineare Erzählweise ist das direkte Ergebnis der begrenzten Mittel. Da Nolan nicht genügend Material hatte, um eine chronologische Geschichte mit üblichen Produktionsstandards zu erzählen, experimentierte er im Schnitt mit der zeitlichen Anordnung.
Branchenkontext und Vergleich
Following steht in einer Tradition mit anderen Low-Budget-Debüts der 90er Jahre, die Regisseure in den Mainstream katapultierten. Robert Rodriguez’ El Mariachi (1992) mit einem Budget von 7.000 Dollar gilt als das prominenteste Vergleichsbeispiel für die Kalkulation von Nolans Erstling.
- Following (1998): 6.000 Dollar Budget, Einspielergebnis ca. 48.000 Dollar.
- Pi (1998): Darren Aronofskys Debüt mit 60.000 Dollar Budget, das ebenfalls die psychologische Obsession in den Fokus rückte.
- Reservoir Dogs (1992): Quentin Tarantinos Startpunkt, der wie Nolan auf einen kleinen Schauplatz und den Dialog als Spannungselement setzte.
Während heutige Produktionen wie Tenet Budgets von über 200 Millionen Dollar verschlingen, dient Following als Lehrstück für Regie-Studenten. Die Beschränkung auf eine einzelne Kamera und 16mm-Filmmaterial zwang Nolan dazu, jede Einstellung akribisch zu planen, Proben dauerten oft länger als der eigentliche Dreh.
Warum jetzt anschauen?
Kanopy ermöglicht den Zugriff auf das Werk im Rahmen seiner Kooperation mit Bibliotheken, was den Film für ein breites Publikum zugänglich macht, ohne dass eine kommerzielle Plattform die Lizenzgebühren maximiert. Die digitale Kopie basiert auf dem restaurierten Master, das von der Criterion Collection angefertigt wurde.
- Verfügbarkeit: Der Film ist in der Criterion-Box-Set-Ausgabe von Following enthalten, die auch Nolans Kurzfilm Doodlebug (1997) als Bonusmaterial bietet.
- Bildqualität: Die 16mm-Körnung bleibt trotz der Restaurierung erhalten und vermittelt die ursprüngliche Atmosphäre der Londoner Straßenzüge.
- Filmanalyse: Wer den Übergang von der Independent-Produktion zum Studio-System verstehen will, sieht hier die Vorläufer der komplexen Zeitstrukturen aus Inception oder Dunkirk.
Der Film zeigt eine rohe, ungeschliffene Herangehensweise, bei der die erzählerische Logik über der technischen Perfektion steht. Zuschauer, die seine späteren, hochpolierten Werke kennen, werden die Anfänge seines spezifischen Schnittrhythmus in den 70 Minuten Laufzeit feststellen. Jeremy Theobald, der den Protagonisten spielt, taucht Jahre später in einem Cameo-Auftritt in Batman Begins wieder auf.