Das Ende des freien Kaufs
Crunchyroll hat den eigenständigen Online-Store für physische Medien und Merchandise in den USA geschlossen. Nutzer können nun keine Blu-rays oder DVDs mehr direkt über die Webseite erwerben, sofern sie kein aktives Abonnement besitzen.
Die Plattform wurde 2006 als illegale Streaming-Seite gegründet, bevor sie 2008 mit Investitionen von Venrock den legalen Betrieb aufnahm. Nach mehreren Besitzerwechseln, unter anderem durch die Otter Media der AT&T-Tochter WarnerMedia, gehört der Dienst seit 2021 zur Sony Group Corporation.
Die Integration in das Sony-Ökosystem führte zur Verschmelzung mit Funimation, dem ehemaligen US-Konkurrenten für Anime-Lizenzen. Mit dieser Übernahme konsolidierte Sony die Kontrolle über den nordamerikanischen Anime-Markt fast vollständig.
Die Kritik der Community
Die Bindung physischer Produkte an ein Abonnement löste in Foren wie Reddit und auf sozialen Plattformen massiven Protest aus. Kritiker stufen den Schritt als reine Strategie zur Steigerung der Abonnentenzahlen ein.
Die Kritikpunkte im Detail:
- Wegfall der Gast-Kauf-Option für Gelegenheitskäufer.
- Zwang zur monatlichen Gebühr für den reinen Erwerb eines physischen Produkts.
- Befürchtung höherer Versandkosten und eingeschränkter Retouren-Optionen nach dem Umzug in das Crunchyroll-Interface.
Die Community fürchtet den Verlust der Sammler-Unabhängigkeit. In der Vergangenheit konnten Fans gezielt einzelne Serien wie Dragon Ball Z oder Cowboy Bebop kaufen, ohne den digitalen Videodienst monatlich zu bezahlen.
Der Vergleich zu physischen Games
Sony verfolgt mit Crunchyroll eine Strategie, die Parallelen zum Vertrieb von PlayStation-Spielen aufweist. Seit der Veröffentlichung der PlayStation 5 Digital Edition baut der Hersteller den Fokus auf den PlayStation Store kontinuierlich aus.
Die Parallelen zum physischen Markt:
- PlayStation Plus-Mitglieder erhalten exklusive Rabatte und frühen Zugriff auf digitale Inhalte.
- Physische Medien werden bei Sony zunehmend als Premium- oder Nischenprodukt für Sammler positioniert.
- Der Trend geht zur Lizenz-Bindung an ein Benutzerkonto statt zum Erwerb eines besitzbaren Datenträgers.
Bei Crunchyroll betrifft dies nun auch die physische Ware. Wer eine Limited Edition eines Animes kaufen will, muss zwingend ein Konto mit laufender Zahlungspflicht führen.
Historische Einordnung der Distribution
Crunchyroll agiert heute als dominanter Lizenzgeber. Das Unternehmen hält die Rechte an Titeln wie Jujutsu Kaisen, Demon Slayer und Attack on Titan.
Früher übernahmen Firmen wie Discotek Media oder Sentai Filmworks die physische Veröffentlichung für den US-Markt. Durch die Marktkonzentration bei Sony landen diese Lizenzen nun häufig exklusiv bei Crunchyroll.
Die historische Entwicklung der Crunchyroll-Store-Releases:
- 2018 startete die Kooperation mit Funimation zur gemeinsamen Distribution.
- 2022 erfolgte der vollständige Zusammenschluss der Datenbanken beider Firmen.
- 2024 wurde der direkte Verkauf an Nicht-Abonnenten eingestellt.
Der Zugriff auf physische Medien ist bei spezialisierten Händlern wie Right Stuf Anime (das von Crunchyroll aufgekauft wurde) nun ebenfalls in die Crunchyroll-Infrastruktur eingegliedert. Die einstige Unabhängigkeit der Distributoren weicht einer zentralisierten Kontrolle durch den Plattformbetreiber.
Marktfolgen und Ausblick
Der Wegfall des freien Shops betrifft vorerst primär den nordamerikanischen Markt. Kunden in Europa nutzen derzeit noch oft lokale Distributoren wie Kazé (jetzt Crunchyroll Deutschland) oder AniMoon Publishing.
Der Druck auf den physischen Markt wächst durch die hohen Kosten für Lizenzen und die sinkenden Margen bei physischen Datenträgern. Die Produktion von Blu-rays ist im Vergleich zum Streaming kostspielig, weshalb Sony die Exklusivität nutzt, um den Wert des gesamten Crunchyroll-Ökosystems zu steigern.
Die aktuelle Politik zwingt Käufer dazu, die monatliche Gebühr von derzeit 7,99 bis 14,99 US-Dollar in Kauf zu nehmen, um Zugriff auf den Shop-Bereich zu erhalten. Ob diese Praxis auch auf den deutschen Markt übertragen wird, hängt von den länderspezifischen Vertriebsverträgen ab. Aktuell ist der Store-Zugang in Deutschland noch nicht an ein Abonnement gebunden.