Fast das Ende einer Ikone
Kazutaka Kodaka, der Erfinder der blutigen Highschool-Mordserie Danganronpa, stand kurz vor dem Ausstieg aus der Spielebranche. Grund war die Ablehnung eines Sequel-Vorschlags durch seinen Publisher. „Ich wollte an keinem anderen Projekt mehr arbeiten“, gestand der Entwickler in einem aktuellen Interview. Die Enttäuschung traf ihn härter als erwartet. Jahre lang hatte er die Serie geprägt, mit schrägen Charakteren, tödlichen Klassenratskämpfen und dem berüchtigten Monokuma.
Kodakas Spiele wurden bei Spike Chunsoft entwickelt. Das Studio, hervorgegangen aus der Fusion von Spike und Chunsoft, ist bekannt für seine visuellen Romane und Detektiv-Adventures. Vor Danganronpa produzierte Spike Chunsoft Titel wie 428: Shibuya Scramble (2008, 500.000 verkaufte Einheiten) und die Mystery Dungeon-Reihe. Danganronpa selbst startete 2010 auf der PSP: Danganronpa: Trigger Happy Havoc verkaufte sich in Japan über 250.000 Mal. Es folgten Danganronpa 2: Goodbye Despair (2012), der Spin-off-Shooter Danganronpa Another Episode: Ultra Despair Girls (2014) und zuletzt Danganronpa V3: Killing Harmony (2017), das Spiel verkaufte weltweit über eine Million Einheiten. Insgesamt brachte es die Serie auf rund fünf Millionen abgesetzte Kopien, Stand 2021. Dennoch lehnte Spike Chunsoft 2018 Kodakas Pitch für ein weiteres direktes Sequel ab.
Der Wendepunkt: Ein neues Original
Statt aufzugeben, entschied sich Kodaka für einen radikalen Schritt: Er gründete das Indie-Studio Too Kyo Games und arbeitete an völlig neuen Ideen. „Mir wurden die Augen geöffnet für die Freude, an etwas Originellem zu arbeiten“, sagte er. Heraus kam unter anderem Master Detective Archives: RAIN CODE, ein düsteres Detektiv-Abenteuer mit übernatürlichen Fähigkeiten. Auch The Hundred Line: Last Defense Academy, ein Strategie-Visual-Novel-Mix, entstand aus dieser kreativen Freiheit.
Too Kyo Games wurde 2017 von Kodaka und drei weiteren Spike-Chunsoft-Veteranen gegründet: Character-Designer Rui Komatsuzaki, Komponist Masafumi Takada und Programmierer Kazutaka Kodaka (selbst). Der erste Titel des Studios, World’s End Club (2020), startete exklusiv auf Apple Arcade und erschien später für Nintendo Switch, mit gemischten Kritiken. Master Detective Archives: RAIN CODE (2023, Switch) verkaufte sich laut Spike Chunsoft bis Ende 2023 über 300.000 Einheiten, deutlich unter den Erwartungen des Publishers. The Hundred Line: Last Defense Academy ist für 2025 angekündigt, eine Finanzierungskampagne auf Kickstarter brachte über 60 Millionen Yen ein. Im Branchenkontext erinnert Kodakas Schritt an andere japanische Entwickler: Hidetaka „Swery“ Suehiro verließ ein großes Studio und gründete White Owls für The Good Life; Koji Igarashi wandte sich nach Castlevania an Kickstarter für Bloodstained: Ritual of the Night. Doch Kodaka betont, dass Too Kyo Games nicht nur ein Indie-Label, sondern eine strukturelle Unabhängigkeit von Spike Chunsofts Entscheidungswegen ist.
Was das für Danganronpa-Fans bedeutet
- Ein direktes Danganronpa 4 ist nicht in Sicht, aber Kodaka hat die Tür nicht endgültig zugeschlagen.
- Stattdessen liefert er Spiele, die den gleichen Geist atmen: schräge Rätsel, unberechenbare Handlungen und ein Hauch von Wahnsinn.
- Der Schöpfer selbst betont, dass er heute viel glücklicher ist als damals im „Sequel-Trott“.
Die Geschichte zeigt, wie ein Rückschlag zu einer der kreativsten Phasen eines Entwicklers führen kann. Danganronpa lebt fort, nur eben in neuen Verkleidungen.
Fans können konkrete Referenzen in den neuen Spielen entdecken: In RAIN CODE taucht ein Cameo-Auftritt von Monokuma auf, und das Detektiv-System erinnert an die Klassenprozesse. The Hundred Line wird von Kodaka als „noch extremer“ beschrieben: 100 Schüler, ein verzweifelter Überlebenskampf und mehrere Enden. Die Entwicklungszeit von drei Jahren für RAIN CODE (vergleiche: Danganronpa V3 benötigte vier Jahre) zeigt, dass die kleine Teamgröße von 15 bis 20 Leuten bei Too Kyo Games zu schnelleren, aber risikoreicheren Veröffentlichungen führt. Für Spike Chunsoft liegt der Fokus derweil auf anderen Marken: AI: The Somnium Files (2019, 2022) und Mystery Dungeon-Ableger. Kodakas Abschied von der Serie war kein endgültiger Bruch, er erwähnte, dass er nur ein Sequel machen würde, wenn ihm eine „wirklich neue Idee“ einfiele, die über Danganronpas Konzept der „Killing School“ hinausgeht.