Der harte Schnitt bei Netflix Games
Netflix hat die Schließung von zwei internen Videospielstudios offiziell bestätigt. Betroffen sind Team Blue in Südkalifornien und Boss Fight Entertainment aus Texas. Beide galten als Eckpfeiler der eigenen Spiele-Offensive.
Team Blue wurde 2022 mit einem hochkarätigen Team gegründet. An der Spitze stand Chacko Sonny, zuvor leitender Producer von Overwatch bei Blizzard. Dazu kamen Leute von Bungie, Santa Monica Studio und weiteren bekannten Adressen. Das Studio sollte einen ambitionierten AAA-Multiplayer-Titel entwickeln, dessen Thema nie offiziell genannt wurde.
Boss Fight Entertainment ist älter. Das Studio entstand 2013 aus ehemaligen Mitgliedern von Ensemble Studios, den Machern von Age of Empires. Bekannt wurde es durch das mobile Strategiespiel Dungeon Boss, das 2015 für iOS und Android erschien. Netflix kaufte das Studio im März 2022, um seine mobilen Eigenproduktionen zu verstärken.
Die Schließung kam nicht völlig überraschend, der Zeitpunkt jedoch schon. Noch im Dezember 2024 veröffentlichte Netflix das Spiel Squid Game: Unleashed. Entwickelt wurde es ausgerechnet von Boss Fight Entertainment, also einem der beiden Studios, das kurz zuvor abgewickelt worden war. Das Spiel ist damit ein letztes Lebenszeichen einer bereits geschlossenen Firma.
Die fünfjährige Suche nach der Nische
- 2021 startete Netflix Games als mobiles Angebot in der Netflix-App.
- Im selben Jahr kaufte der Konzern sein erstes Studio, Night School Studio.
- 2022 folgten Zukäufe von Boss Fight Entertainment, Next Games und Spry Fox.
- 2022 sprach die Spiele-Abteilung von „über 55 Titeln in Entwicklung“.
Die Strategie wirkte von außen oft unklar. Mal setzte man auf einfache Handyspiele, mal auf hochwertige Indie-Titel, mal auf teure AAA-Projekte. Ein roter Faden fehlte.
Night School Studio brachte mit Oxenfree einen der meistbeachteten Indie-Hits der 2010er Jahre. Die Fortsetzung Oxenfree II: Lost Signals erschien im Juli 2023 als Netflix-Exklusivtitel. Spry Fox lieferte mit Cozy Grove ein beliebtes Aufbauspiel, und Next Games steuerte mit Stranger Things: Puzzle Tales ein Spiel zur eigenen Erfolgsserie bei.
Ein klares Publikum fand keiner dieser Titel. Die meisten Spiele waren Ergänzungen zur Streaming-App, keine eigenständigen Zugpferde. Während Apple Arcade mit kurzen Premium-Spielen punktet und Microsoft Game Pass auf Abozahlen setzt, blieb Netflix ein vergleichbares Profil schuldig.
Chaos hinter den Kulissen
Die interne Entwicklung war von ständigen Kurswechseln geprägt. Mike Verdu, der 2021 als Spiele-Chef von Meta zu Netflix kam, kündigte zunächst eine reine Mobile-Strategie an. Ein Jahr später hieß es, Netflix wolle auch auf PC und Fernseher expandieren.
- Anfang 2024 wurde bekannt, dass Verdu die Spiele-Sparte nicht mehr führt.
- Das AAA-Projekt von Team Blue wurde intern mehrfach umgebaut.
- Ein Cloud-Gaming-Test mit ausgewählten Geräten startete 2024, wurde aber nicht breit ausgerollt.
Hinzu kam personeller Aderlass. Mehrere Führungskräfte verließen das Unternehmen innerhalb kurzer Zeit. Interne Berichte beschrieben Chaos und fehlende Entscheidungswege, wenn es um Spiele ging. Statt eines langfristigen Plans gab es Projektstarts und Stopps im Jahrestakt.
Die Unruhe zeigt sich auch in der Veröffentlichungspolitik. Ein Großteil der Netflix-Spiele erschien ohne größere Marketingoffensive und verschwand schnell wieder aus dem Gedächtnis. The Queen's Gambit Chess, ein Strategiespiel zum Serienhit, war ein nettes Begleitprodukt, aber kein Grund, die App zu abonnieren.
Ein Blick auf die Realität
Netflix hat mehr als 260 Millionen zahlende Abonnenten. Die Spiele-Sektion nutzt davon nach Schätzungen von Analysten nur ein niedriger einstelliger Prozentsatz. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Mobile-Spiel von Supercell oder King erreicht täglich mehr aktive Nutzer als die gesamte Gaming-Abteilung des Streaming-Riesen.
Die Branche hat schon andere Tech-Konzerne scheitern sehen. Google Stadia wurde 2023 eingestellt, Amazon hat sein Games-Studio mehrmals neu aufgestellt, Apple Arcade dümpelt vor sich hin. Netflix reiht sich mit den Studio-Schließungen in diese Riege ein.
Was bleibt, sind Lizenzen und Partnerschaften. Netflix kann weiterhin auf fremde Entwickler setzen, etwa für Spiele zu Squid Game oder Bridgerton. Die eigene Produktion von Welttiteln hat das Unternehmen vorerst aufgegeben.
Team Blue hat nie ein Spiel veröffentlicht. Boss Fight Entertainment endet mit einem Titel, der nach der Schließung erschien. Das sind keine Ausrutscher, sondern das Ergebnis von fünf Jahren Strategie ohne klares Ziel.