Endzeit ohne Explosionen
Ys VIII: Lacrimosa of Dana gehört zu den am meisten unterschätzten Action-RPGs der letzten Generation. Die Zusammenfassung nennt es schlicht „eines der besten“ seiner Zunft, und das liegt vor allem an seiner ungewöhnlichen Erzählweise vom Ende der Welt. Statt mit Meteoren oder Zombie-Armageddon zu arbeiten, zeigt das Spiel eine Apokalypse, die bereits vor Jahrhunderten stattfand und deren Schatten bis in die Gegenwart reichen.
Die Geschichte beginnt mit Adol Christin, dem Serienhelden, der nach einem Schiffbruch auf der Insel Seiren strandet. Schnell stellt sich heraus, dass die Insel mehr verbirgt als Dinosaurier und Piraten. Eine verschollene Zivilisation, die „Eternianer“, hinterließ Ruinen, die von einem verheerenden Ende zeugen. Der Clou: Dieses Ende ist keine Katastrophe im klassischen Sinne, sondern das langsame Verlöschen einer Kultur durch einen einzigen, alles verzehrenden Fluch.
Gestrandet auf Seiren
- Der Spieler muss Überlebende des Schiffbruchs retten und ein kleines Dorf aufbauen.
- Die Insel ist in mehrere Biome unterteilt: Strände, Sümpfe, Höhlen und ein schneebedecktes Hochland.
- Jede gerettete Person bringt neue Fähigkeiten oder Handwerksrezepte ins Camp.
- Das Erkunden ist belohnend, weil es nicht nur Gegenstände, sondern auch Fragmente der Vorgeschichte freischaltet.
Die Insel selbst wird zum Charakter. Ihre Wälder und Klippen erzählen von einer untergegangenen Welt, und je tiefer man vordringt, desto klarer wird das Bild des Untergangs. Der Spieler erlebt die Apokalypse nicht als Zuschauer, sondern als Archäologe, der Überreste zusammensetzt.
Danas doppelte Erzählung
Im zweiten Akt übernimmt man zeitweise die Kontrolle über Dana, eine junge Frau aus der Eternianer-Zivilisation. Ihre Szenen spielen in der Vergangenheit, während Adol die Gegenwart erkundet. Durch diese Parallelmontage erlebt man den Untergang aus erster Hand, allerdings in Rückblenden.
Dana ist keine passive Opferfigur. Sie kämpft gegen das Schicksal ihrer Stadt, versucht die Zeichen des Verfalls zu deuten und trifft Entscheidungen, die Konsequenzen für Adols Zeit haben. Diese erzählerische Verbindung macht die Apokalypse emotional greifbar, weil man die Menschen kennt, die sterben werden. Am Ende stellt sich heraus, dass Danas Handeln und Adols Rettung der Insel zusammenhängen, ohne dass die Auflösung konstruiert wirkt.
Nihon Falcoms langer Atem
Nihon Falcom gehört zu den ältesten noch aktiven Entwicklerstudios Japans. Die Firma wurde 1981 gegründet und brachte bereits in den 80er Jahren mit der Dragon Slayer-Reihe wegweisende Action-RPGs auf den Markt. Die Ys-Serie startete 1987 und etablierte Adol als einen der wenigen dauerhaft wiederkehrenden Helden im Genre.
Vor Ys VIII hatte Falcom vor allem mit der Trails-Serie („The Legend of Heroes“) Erfolge gefeiert, die für ihre tiefgehende Weltpolitik bekannt ist. Ys VIII zeigt, dass das Studio auch handwerklich hervorragendes Action-Design beherrscht. Die Entwicklung begann intern nach Abschluss von Ys: Memories of Celceta und nutzte erstmals eine vollständig offene Inselstruktur.
Von Ys I bis Ys VIII: Eine Serie im Wandel
- Ys I & II (1987/88) setzten auf einfache Ramm-Attacken und lineare Dungeons.
- Ys: The Oath in Felghana (2005) verfeinerte das Kampfsystem mit Magie und Bosskämpfen.
- Ys Origin (2006) erzählte eine Vorgeschichte ohne Adol, mit mehreren spielbaren Charakteren.
- Ys SEVEN (2009) führte ein Drei-Personen-Party-System ein, das in VIII perfektioniert wurde.
Ys VIII übernimmt die Party-Mechanik, ergänzt um Schnellwechsel zwischen den Kämpfern und eine Fokus-Ausweichrolle. Die Level- und Skillbäume sind simpel gehalten, aber genau diese Klarheit macht das Spiel so zugänglich. Es gibt keine überladene Ausrüstungssuche, sondern eine klare Progression, die sich an der Spielzeit orientiert.
Action-Kampf mit Rhythmus
Die Kämpfe in Ys VIII laufen in Echtzeit, reagieren aber präziser als viele westliche Action-RPGs. Jeder Charakter besitzt einen eigenen Kampfstil, etwa Adols Schwert, Dashas Speer oder Laxia’s Rapiere. Gegner haben Schwachstellen, die je nach Waffentypen Schaden modifizieren, was den Partywechsel taktisch relevant macht.
Die Bosskämpfe sind herausfordernd, aber niemals unfair. Jeder Endgegner hat klar erkennbare Attackenmuster, die man durch Ausweichen und Kontern ausnutzen kann. Nach einem erfolgreichen Ausweichmanöver gerät die Zeit kurzzeitig in Zeitlupe, was dem Spiel einen rhythmischen Flow verleiht. Diese Mischung aus schnellen Reaktionen und kurzen Planungsmomenten hält die Spannung über die gesamte Spielzeit von etwa 40 Stunden.
Einordnung im Genre der letzten Generation
Während westliche Studios wie CD Projekt oder Bethesda auf offene Welten mit hunderten Nebenquests setzten, wählte Falcom eine kleinere, aber dichtere Struktur. Die Insel Seiren ist nicht riesig, aber jeder Winkel hat Bedeutung. Das erinnert an ältere Action-Adventures wie Metroid Prime, ohne direkt zu kopieren.
Die Apokalypse-Thematik wird in Ys VIII nicht als Bedrohung der Gegenwart inszeniert, sondern als historische Last, die man aktiv beeinflussen kann. Das unterscheidet das Spiel von Titeln wie Dark Souls, wo der Weltuntergang eine vage Hintergrundfolie bleibt. Hier ist die Tragödie konkret: Man sieht die Straßen, Häuser und Menschen der Eternianer in ihren letzten Tagen.
Ein Juwel, das keiner Erinnerung bedarf
Ys VIII ist kein Spiel, das bahnbrechende Technik oder monumentale Grafikpracht bietet, sondern seine Stärken in Erzählung und Spielgefühl findet. Die Charaktere sprechen nicht in epischen Monologen, sondern in kleinen Gesten und Alltagsdialogen, die das Camp zu einem lebendigen Ort machen. Wer nach einem Action-RPG sucht, das den Untergang einer Welt nicht als Spektakel, sondern als menschliche Erfahrung behandelt, wird hier fündig. Die Zusammenfassung nennt es ein Meisterwerk, und in diesem Fall ist die Bezeichnung nicht übertrieben.