Die Rettung aus der Vergangenheit
Im Jahr 1995 stand Nvidia, das 1993 von Jensen Huang, Chris Malachowsky und Curtis Priem gegründet worden war, kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Rettung kam durch eine Investition von 5 Millionen Dollar durch den japanischen Publisher Sega.
Sega suchte nach einem günstigen Partner für die Entwicklung der Grafik-Hardware für die geplante Konsole Dreamcast. Die Wahl fiel auf das junge Unternehmen, da Nvidia ein spezielles Design für einen Multimedia-Beschleuniger namens NV1 eingereicht hatte.
Die Hintergründe des Deals
Sega hatte mit dem Saturn gegen die PlayStation von Sony massiv an Marktanteilen verloren. Das Management in Japan hoffte, mit dem NV1-Chip eine Architektur zu erhalten, die 3D-Grafik und Audio zu einem Bruchteil der Kosten bisheriger Workstations bot.
- Der NV1-Chip kombinierte Grafikbeschleunigung mit Sound-Chips und Eingabe-Schnittstellen für Controller.
- Nvidia produzierte die Chips bei SGS-Thomson, da sie selbst über keine eigenen Fertigungsanlagen verfügten.
- Das Kapital diente direkt zur Bezahlung der ausstehenden Rechnungen bei der Chip-Produktion.
Von der Fehlkalkulation zur Marktdominanz
Die Architektur des NV1 basierte auf quadratischen Polygonen, sogenannten Quadratic Texture Mapping-Flächen, statt auf den in der Branche üblichen Dreiecken. Als Microsoft mit DirectX und Direct3D den Standard für PC-Grafik festlegte, unterstützte dieser ausschließlich Dreiecke.
Der NV1-Chip floppte kommerziell, da er mit den neuen Standards inkompatibel war. Sega zog sich für die spätere Dreamcast zurück und wählte stattdessen NEC und PowerVR als Hardware-Partner.
- Nvidia nutzte die verbliebenen Ressourcen, um den RIVA 128 zu entwickeln, der auf Dreiecken basierte.
- Der RIVA 128 erschien 1997 und erreichte eine Performance, die mit den Marktführern von 3dfx mithalten konnte.
- Die ursprüngliche Investition von Sega gab Nvidia das Zeitfenster, um von der Sackgasse NV1 auf die Architektur umzuschwenken, die den gesamten Markt dominierte.
Branchenkontext und Hardware-Evolution
Ende der neunziger Jahre kämpften Firmen wie 3dfx, Matrox und ATI um die Vorherrschaft. 3dfx dominierte mit der Voodoo-Serie, da diese Karten als Zusatzbeschleuniger die Bildqualität durch Bilineare Filterung und Z-Buffering anhoben.
Nvidia übernahm 3dfx im Jahr 2000 nach deren finanzieller Schieflage komplett. Damit sicherte sich das Unternehmen nicht nur Marktanteile, sondern auch die Patente für die SLI-Technologie.
- Die heutige Architektur von Nvidia basiert auf den Erkenntnissen dieser Konsolidierungsphase.
- Während Sega den Hardware-Markt verließ, um sich auf Software zu konzentrieren, wandelte sich Nvidia von einem kleinen Chip-Designer zum größten Akteur der Halbleiterindustrie.
- Die Entwicklungskosten für moderne Grafikprozessoren liegen heute bei mehreren Milliarden Dollar pro Generation.
Der Blick auf die heutige Hardware
Die Kapazität aktueller Karten wie der RTX 4090 übersteigt die Rechenleistung des gesamten Jahres 1995 um das Millionen- oder Milliardenfache. Anwender nutzen heute Speichertechnologien wie GDDR6X, die eine Bandbreite von über 1 Terabyte pro Sekunde ermöglichen.
Die Abhängigkeit von Nvidia bei der Hardware-Herstellung hat sich in den letzten Jahren durch den Bedarf an KI-Beschleunigern nochmals verschärft. Die 5 Millionen Dollar von Sega im Jahr 1995 ermöglichten den Erhalt der Engineering-Teams, die heute die Architektur für Rechenzentren und KI-Training entwerfen.
- Das Budget von 1995 deckte kaum die monatlichen Gehälter einer einzigen modernen Entwicklungsabteilung.
- Sega agierte als Risikokapitalgeber, ohne dabei Anteile an der langfristigen Entwicklung des Grafikkartenmarktes zu behalten.
- Die Hardware-Welt von heute operiert in einer Skalierung, die bei der Gründung von Nvidia technisch gar nicht vorgesehen war.