Esports kehrt zu den Hallen zurück, aber diesmal anders
Zwei Großprojekte in London und Shanghai machen deutlich: Die Branche setzt wieder auf Live-Publikum. Doch die Pläne für das London Colosseum und die neue Invictus-Gaming-Arena zeigen einen klaren Bruch mit der Vergangenheit.
Früher dominierten einmalige Mega-Events in Messehallen oder reine Online-Formate. Jetzt entstehen dauerhafte Locations mit festen Spielplänen und regionaler Verankerung.
Frühere Versuche: Arenen, die scheiterten
Die Idee permanenter Esports-Stadien ist nicht neu. 2018 eröffnete die Blizzard Arena in Burbank, Kalifornien, mit 450 Plätzen und festen Overwatch-League-Spielen. Sie schloss 2020 endgültig, zu geringe Auslastung, zu teure Miete. Ähnlich erging es der Esports Stadium Arlington in Texas. Die 2.500 Plätze große Halle wurde 2018 von der Stadt mit 10 Millionen Dollar subventioniert, kämpfte aber gegen leere Ränge. 2022 strich der Betreiber die Hälfte der Eventtage. Die Overwatch League wiederum plante zwölf feste Heimstadien für ihre Franchises. Nur eines, das Fuel House in Dallas, wurde realisiert, eine umgebaute Lagerhalle mit 500 Plätzen. Der Rest blieb auf dem Papier.
Die Branche investierte damals in Mietverträge für kurze Pop-up-Events, oft in Messezentren. Ein Beispiel: Die ESL One-Turnierserie mietete 2019 die Barclaycard Arena in Hamburg für drei Tage, Kosten pro Event: geschätzt 200.000 Euro. Danach stand die Halle wieder leer.
London Colosseum: Traditionsort trifft E-Sport
- Das Projekt plant eine Esports-Arena im historischen Gebäude eines ehemaligen Theaters in London.
- Statt auf reine Zuschauerkapazität setzt der Entwurf auf hybride Nutzung: Turniere, Streaming-Studios und öffentliche Gaming-Bereiche unter einem Dach.
- Die Location soll ganzjährig bespielbar sein, ein klares Signal gegen die Wegwerf-Logik früherer Pop-up-Events.
Das London Colosseum ist kein Neubau. Das Gebäude in der Nähe der King’s Cross Station stand seit 2019 leer, nachdem der Vormieter, ein Musikclub, insolvent ging. Die Entwickler der Arena, ein Konsortium aus lokalen Investoren und ehemaligen ESL-Managern, kauften die Immobilie für 12 Millionen Pfund. Das Budget für den Umbau liegt bei weiteren 18 Millionen. Geplant sind bis zu 1.200 Sitzplätze für Turniere, dazu drei Streaming-Studios und ein öffentlicher Gaming-Bereich mit 100 PCs. Die Kalkulation: 80 Prozent Auslastung im ersten Jahr, kombiniert aus Tickets für Profi-Ligen (z. B. Valorant Champions Tour) und bezahlten Amateur-Turnieren am Wochenende.
Invictus Gaming: Eigenes Stadion in Shanghai
- Die chinesische Organisation Invictus Gaming errichtet eine eigene Arena mit Platz für mehrere tausend Zuschauer.
- Neben Profi-Matches sind regelmäßige Amateur-Turniere und Community-Tage geplant.
- Das Gebäude wird Teil eines größeren Kulturkomplexes, die alte Trennung zwischen Gaming und Stadtleben verschwindet.
Invictus Gaming (iG) wurde 2011 von Wang Sicong gegründet, dem Sohn des chinesischen Milliardärs Wang Jianlin. iG gewann 2018 die League-of-Legends-Weltmeisterschaft, der erste chinesische Titel überhaupt. Danach expandierte das Team in Dota 2 (Sieger des International 2012) und Valorant. Die Organisation betreibt heute sechs Profi-Divisionen. Die geplante Arena in Shanghai ist Teil des West Bund Culture and Art Center, einem Stadtentwicklungsprojekt mit Museen und Konzerthallen. Die Baukosten werden auf umgerechnet 45 Millionen Euro geschätzt. Die Arena soll 3.500 Sitzplätze bieten, aber auch Restaurant- und Einzelhandelsflächen integrieren. iG kalkuliert mit 40 Heimspieltagen pro Saison für die LPL (League of Legends Pro League) plus etwa 60 Amateur-Turnieren.
Warum die neue Strategie anders tickt
- Beide Projekte setzen auf Multifunktionalität und Langlebigkeit, nicht auf einmalige Medienspektakel.
- Die Arenen sind bewusst in bestehende Stadtviertel integriert, um Anwohner anzuziehen und nicht nur Hardcore-Fans.
- Statt teurer Mietverträge für kurze Events investieren die Betreiber in eigene Immobilien, das Risiko sinkt, die Bindung steigt.
Der entscheidende Unterschied zu früheren Projekten ist die Finanzierungsstruktur. In den 2010er Jahren wurden Arenen meist von Drittanbietern gebaut (z. B. von Städten oder Eventfirmen) und dann an Esports-Organisationen vermietet. Das führte zu hohen Fixkosten bei unsicherer Nachfrage. Beide neuen Arenebetreiber kaufen die Immobilien direkt. Das London Colosseum finanziert sich über eine Mischung aus Eigenkapital (40 Prozent) und Bankkrediten (60 Prozent); iG verwendet Gewinne aus dem eigenen Team-Betrieb und einen Kredit der Shanghaier Stadtregierung.
Lehren aus der Pandemie und der Overwatch-Krise
Die Pandemie 2020–2021 zwang die Branche, zwei Jahre auf Live-Publikum zu verzichten. Viele Vermieter kündigten Verträge, Pop-up-Events fielen aus. Gleichzeitig starb die Overwatch League als Franchise-Modell langsam dahin, die festen Stadien wurden nie gebaut, weil die Liga die versprochenen Zuschüsse nicht zahlte. Die neuen Projekte setzen deshalb auf lokale Verwurzelung statt globaler Liga-Logik. Die Londoner Arena hat bereits eine Kooperation mit dem Stadtbezirk Camden geschlossen, um Schülern vergünstigte Eintritte zu ermöglichen. In Shanghai plant iG regelmäßige Turniere für Universitäten im West Bund-Viertel.
Der Fokus liegt 2026 auf echten Treffpunkten mit wiederkehrenden Veranstaltungen, nicht auf aufgeblähten Ein-Tages-Shows. Die Branche hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und sucht die Nähe zum Publikum, aber mit Bodenhaftung.