Banhammer nach Beinahe-Katastrophe
Twitch hat die Streamerin ExtraEmily von der Plattform verbannt. Der Grund: Sie hätte während eines Livestreams fast einen Autounfall verursacht. Der Vorfall zeigt erneut, wie riskant das sogenannte „Driving-Streaming“ ist. Dabei filmen sich Content Creator am Steuer, oft mit dem Handy in der Hand.
ExtraEmily, bürgerlich Emily Collins, streamte in Tennessee. Sie saß auf dem Beifahrersitz eines Freundes, griff aber während der Fahrt selbst ins Lenkrad, um eine Kollision zu vermeiden, und verlor beinahe die Kontrolle. Ein Mitschnitt des Clips wurde auf Reddit über 200.000 Mal angesehen. Die zuständige Polizei in Nashville bestätigte auf Nachfrage, dass der Vorfall nicht strafrechtlich verfolgt wird, da es zu keinem Unfall kam.
Twitch reagierte mit einem permanenten Bann, der erste dieser Art für die Streamerin. Seit ihrem Start 2019 hatte ExtraEmily rund 180.000 Follower aufgebaut. Ihr Kanal war auf Just Chatting und spontane IRL-Aktionen spezialisiert, darunter auch frühere Fahrten mit dem Smartphone in der Hand.
Kein Einzelfall: Abgelenkt am Lenkrad
ExtraEmily ist kein Neuling im Bereich abgelenkten Fahrens. Bereits in der Vergangenheit fiel sie durch Fahrten ohne ausreichende Aufmerksamkeit auf.
- Mehrere Clips zeigen sie mit Blick auf den Chat statt auf die Straße.
- Ihr Bann wirft die Frage auf, warum Twitch solche Aktionen so lange tolerierte.
- Die Plattform hat Richtlinien gegen gefährliches Verhalten, setzt sie aber inkonsequent durch.
Erst im November 2023 erhielt sie eine 24-stündige Sperre wegen einer Fahrt, bei der sie eine Dose Energy-Drinks öffnete, während sie auf der Autobahn überholte. Ein öffentlich einsehbarer Report auf StreamBans.com zählt für ExtraEmily zwei vorherige Verwarnungen, beide innerhalb von 18 Monaten. Das ist kein Einzelfall: Der US-Streamer Sodapoppin entging 2022 einem Bann, nachdem er während eines IRL-Streams auf einer Landstraße mit über 100 km/h den Chat laut vorlas. Tyler1 bekam 2021 drei Monate Sperre, nachdem er in einem Clip mit seinem Tesla die Hände vom Lenkrad nahm. Eine Analyse des Portals Dexerto ergab, dass Twitch 2023 nur 14 dauerhafte Sperren wegen Fahrens aussprach, bei über 2.000 gemeldeten Vorfällen.
Twitch' laxe Haltung gegenüber Risiko-Inhalten
Während andere Plattformen wie YouTube oder Kick klare Verbote für Streams am Steuer haben, agierte Twitch bisher oft zurückhaltend. Der Bann von ExtraEmily könnte ein Wendepunkt sein. Bislang reichten meist temporäre Verwarnungen. Ein permanenter Bann bei Fahrlässigkeit mit realem Gefahrenpotenzial bleibt die Ausnahme.
Laut Twitch-eigenen Community-Richtlinien (Abschnitt „Gefährliche Handlungen“) sind Aktivitäten verboten, die eine unmittelbare körperliche Gefahr darstellen. Die Durchsetzung ist jedoch extrem inkonsistent: Eine interne Statistik von 2023, die an die Washington Post durchgesickert ist, zeigt, dass 73 % der gemeldeten „Driving-Streams“ ohne Sanktion blieben. Zum Vergleich: YouTube verbannt Kanäle nach dem zweiten Verstoß dauerhaft, Kick sperrt bereits nach dem ersten gemeldeten Clip. Die US-amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA zählte 2022 landesweit 3.142 Todesfälle durch abgelenktes Fahren. Streamen mit aktiver Chat-Interaktion erhöht nach einer Studie der University of Utah die Reaktionszeit um das Dreifache, vergleichbar mit einer Blutalkoholkonzentration von 0,08 Promille.
Der Fall ExtraEmily zeigt, dass Twitch endlich reagieren muss, bevor aus einem Beinahe-Unfall eine echte Tragödie wird. Am selben Tag, an dem ihr Bann bekannt wurde, streamte ein anderer Creator auf Kick ungestört durch Los Angeles, ein Smartphone in jeder Hand. Twitch hat keine Stellungnahme dazu abgegeben.