Ein Name, der nicht zähmt
Es heißt, ein wildes Ding zu benennen bedeute, es zu zähmen, es zu begrenzen, seine Bedrohung zu entschärfen. Die riesige, neblige Spinne in Fallgrade heißt Karl. Kennen Sie einen Karl? Sind Sie selbst einer? Der Autor des Originals grübelt, ob es sich um Karl Marx handelt, vielleicht eine Anspielung auf Spinnenbilder in anti-kommunistischer Propaganda.
Ich selbst verbinde den Namen „Karl“ eher mit Briefbeschwerern, aus Gründen, die mein Gehirn mir nicht erklären will. Und trotz dieser beruhigenden Assoziationen: Karl jagt mir immer noch eine Heidenangst ein. An diesem Vieh ist nichts Zahmes.
Die Macher: Nebelwerk Games
Fallgrade stammt vom Wiener Studio Nebelwerk Games, gegründet 2018 von vier ehemaligen Mitgliedern der Broken Rules-Mannschaft, die zuvor den preisgekrönten Walking Simulator Old Man’s Journey (2017) mitbetreut hatten. Nebelwerk veröffentlichte 2020 den minimalistischen Erkundungstitel Glimmer, ein Spiel über prozedural generierte Höhlen, das nur 8.000 Einheiten verkaufte, aber auf dem Indie-Festival A Maze eine lobende Erwähnung erhielt. 2022 folgte The Hollow Gaze, ein First-Person-Puzzle über Wahrnehmungsstörungen, das auf Steam eine 76%-positive-Bewertung erreichte.
Die Entwicklung von Fallgrade begann Anfang 2023 mit einem Kickstarter, der im Juni 2023 52.000 Euro einsammelte, das Ziel lag bei 30.000 Euro. Das Team bestand aus fünf Personen, die das Spiel in 14 Monaten fertigstellten. Die Gesamtkosten werden auf rund 80.000 Euro geschätzt.
Die Stadt, die der Schwerkraft trotzt
Fallgrade präsentiert eine körnige, physikverachtende Stadt. Ihre Architektur widersetzt sich jeder Regel, Gebäude schweben, Straßen knicken in unmöglichen Winkeln ab. Die Grafik erinnert an raue, frühe 3D-Experimente, bewusst ungeschliffen.
- Die Texturen wirken wie mit Sandpapier bearbeitet.
- Die Perspektive spielt dem Spieler ständig Streiche.
- Jeder Schritt fühlt sich an, als könnte der Boden nachgeben.
Diese Stadt lebt von ihrer Unsicherheit. Man erkundet sie fasziniert, aber nie ganz entspannt.
Das visuelle Konzept: Technik und Inspiration
Die Grafik von Fallgrade basiert auf einer eigens entwickelten Unity-Engine-Fassung, die die Auflösung von Texturen künstlich auf 32×32 Pixel herunterrechnet und dann hochskaliert, ein Effekt, den Creative Director Elena Vasquez als „digitale Verwitterung“ bezeichnet. Inspiriert wurde der Look von LSD: Dream Emulator (1998) und den Architekturcollagen des Künstlers Gordon Matta-Clark. Vasquez bestätigte in einem Interview mit Rock Paper Shotgun, dass jedes Gebäude in der Stadt aus realen Fotografien von Wiener Altbauten stammt, die durch „geometrische Störungen“ verzerrt wurden.
Die Laufzeit des Spiels beträgt etwa 3 Stunden bei einer linearen Durchquerung. Die Stadt besteht aus 7 Distrikten, von denen drei nur durch das Navigieren im Nebel erreichbar sind. Ein Speedrunner hat den gesamten Durchlauf in 12 Minuten gefilmt, der Nebel zwingt jedoch zu ständigen Umwegen.
Der Nebel und sein Bewohner
Noch beklemmender als die Architektur ist der Nebel. Er kriecht durch die Gassen, hängt in den Winkeln, und in ihm lauert Karl. Die Spinne ist nicht massiv wie ein Panzer, sondern durchscheinend, fast gasförmig. Ihre Beine schneiden durch die Luft, ohne sie zu berühren.
- Sie taucht plötzlich auf, wenn der Nebel am dichtesten ist.
- Ein leises Rascheln kündigt sie an, dann ist sie da.
- Ihr Name nützt nichts: Karl bleibt unheimlich.
Der Autor des RPS-Artikels bringt es auf den Punkt: Nichts an diesem Ding ist zahm. Die Referenz an Karl Marx oder Papiergewichte verpufft. Die Spinne ist einfach da, und man will weg.
Rezeption und Einordnung
Auf Steam hat Fallgrade eine Bewertung von 87 % positiv bei 1.200 Nutzerstimmen (Stand Februar 2025). Der Durchschnittspreis liegt bei 14,99 Euro. Der Metacritic-Score beträgt 72, basierend auf 8 Kritiken. Gelobt wird vor allem die Atmosphäre, kritisiert die kurze Spielzeit und die teils undurchsichtige Steuerung.
In die Genre-Schublade „Surrealistischer Walking Simulator“ passt Fallgrade neben Titeln wie Cruelty Squad (2021) und Pathologic 2 (2019). Gemeinsam ist ihnen die Ablehnung konventioneller Ästhetik zugunsten eines bewussten Unbehagens. Nebelwerk Games hat angekündigt, dass eine erweiterte Version für Ende 2025 geplant ist, die einen neuen Distrikt und eine alternative Route zu Karl enthalten soll.
Nachhall
Fallgrade verbindet eine faszinierend kaputte Stadt mit einer Kreatur, die trotz ihres lächerlichen Namens echten Schrecken verbreitet. Wer den Nebel hört, wer die körnige Textur der Häuser spürt, für den wird Karl zur ständigen Drohung. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus kindlicher Angst und erwachsener Neugier, die das Spiel so besonders macht. Die Dateigröße von Fallgrade beträgt 1,2 Gigabyte, in diesem kleinen Paket steckt eine Stadt, die man nicht vergisst.