Jetzt wird’s persönlich: Gesichtsscan statt Kartenjagd
Wer in Japan Pokémon-Karten kaufen will, muss bald sein Gesicht scannen lassen. Die Pokémon Company hat ein Gesichtserkennungssystem angekündigt, das den Zutritt zu offiziellen Pokémon Card Stores regelt. Es ist der bislang massivste Schlag gegen die Scalper-Plage, die das Sammler-Hobby seit Jahren belastet.
Erwachsene und Kinder ab einem bestimmten Alter müssen sich vor dem Betreten des Ladens identifizieren. Das System prüft, ob dieselbe Person bereits an diesem Tag im Laden war, und verweigert dann den Eintritt.
Wie der Scanner arbeitet
- Jeder Besucher darf nur einmal pro Tag in einen Pokémon-Kartenladen.
- Versucht jemand, ein zweites Ticket zu ziehen, erscheint eine Warnung auf dem Bildschirm.
- Der Zutritt wird dann sofort verweigert, auf Basis der System-Entscheidung.
- Vorschulkinder sind von der Pflicht befreit, brauchen aber eine erwachsene Begleitperson.
Die neuen Regeln gelten ab sofort für alle japanischen Pokémon-Kartenläden. Eine weltweite Ausweitung ist bisher nicht bestätigt.
Die Eskalation: Wie Scalper den Markt zerstörten
Die Pokémon Company hat das Sammelkartenspiel 1996 in Japan gestartet, entwickelt von Creatures Inc., einem Studio, das später auch die Karten für weltweite Releases produzierte. Seit dem ersten Set Pokémon TCG: Base Set mit 102 Karten ist die Nachfrage immer wieder explodiert, besonders bei limitierten Editionen.
Scalper nutzen seit 2020 systematisch Lücken im Vertrieb. Das Set Pokémon 151 (2023), eine Hommage an die ersten 151 Pokémon, war in Japan binnen Minuten restlos vergriffen. Auf dem Sekundärmarkt wurden Booster-Packs für das Fünffache des UVP gehandelt. In Tokio kam es vor Läden zu Schlägereien zwischen Sammlern und Weiterverkäufern.
- Ein Händler in Osaka berichtete, dass einzelne Scalper mit bis zu 20 identischen Ausweisen mehrfach Tickets zogen.
- Im Februar 2024 beschlagnahmte die Polizei in Nagoya über 3.000 ungeöffnete Booster-Packs aus einem Lager, die für den Schwarzmarkt bestimmt waren.
- Die Pokémon Company verlor durch Scalping allein im Jahr 2023 geschätzt 15-20 Prozent des potenziellen Direktverkaufs.
Warum dieser drastische Schritt?
Scalper haben das Trading Card Game in den letzten Jahren nahezu unspielbar gemacht. Neue Ware ist oft Sekunden nach Ladenöffnung vergriffen, weil Horter mit Stapeln von Booster-Packs rausrennen.
Der sekundäre Kartenmarkt blüht, aber für normale Sammler bleibt kaum noch etwas übrig. Die Konsequenzen sind erschreckend:
- In den USA und Europa kam es zu bewaffneten Raubüberfällen auf Pokémon-Läden.
- Im Januar erbeuteten Diebe mit Waffen und Hämmern über 100.000 Dollar aus einem neu eröffneten Store in Japan.
- Die Van Gogh Museum-Aktion in Amsterdam endete im Chaos, als Scalper alle Pikachu with Grey Felt Hat-Karten wegschnappten.
Vorherige Gegenmaßnahmen und ihre Grenzen
Schon 2021 führte die Pokémon Company in Japan ein Losverfahren für besonders begehrte Sets ein. Käufer mussten sich online registrieren und bekamen dann per Zufall einen Einkaufszeitraum zugewiesen. Scalper umgingen das System mit Massenregistrierungen über gefälschte Handynummern und wegwerfbare E-Mail-Adressen.
2022 testete der Konzern Einkaufslimits pro Person, oft drei Booster-Packs pro Kunde. In der Praxis half das wenig, weil Scalper einfach mehrere Läden an einem Tag abklapperten oder Komplizen einsetzten. Ein interner Bericht von Creatures Inc. zeigte, dass selbst Limits von einem Pack pro Person den Mehrfachzugriff nicht stoppen konnten.
In Südkorea und Taiwan gibt es seit 2023 ähnliche Gesichtserkennungssysteme für limitierte Sneaker-Releases. Nike und Adidas nutzen dort biometrische Checks, um Wiederverkäufer auszusperren. Die Pokémon Company übernahm diese Technik, nachdem sie die Schwachstellen reiner Limits erkannt hatte.
Ein System mit Tücken
Gesichtserkennung im Einzelhandel klingt nach Überwachungsstaat. Die Pokémon Company betont auf ihrer Website, dass es nur um den sicheren Einkauf geht. Ob die gesammelten Daten nach dem Besuch gelöscht werden, ist nicht bekannt.
Fakt ist: Die Maßnahme trifft Scalper dort, wo es weh tut, am schnellen Mehrfachzugriff. Ob sie das Problem langfristig löst, bleibt abzuwarten. In Japan probiert man es jetzt mit roher Technik gegen die schlimmste Plage des Hobbys.
In der Praxis wird das System die Sammler spalten: Wer nur eine Packung pro Tag kaufen darf, muss morgens Schlange stehen, und hat abends keine Chance mehr auf Restposten. Die Pokémon Company hat keine Angaben gemacht, ob die Gesichtsdaten für andere Zwecke genutzt werden. Datenschutzorganisationen in Japan fordern eine unabhängige Prüfung, während Scalper bereits nach Umgehungsmöglichkeiten suchen, etwa mit Masken oder temporären Tattoos, die die Erkennung stören.