EndeNews Logo EndeNews
Im Körper eines Bürowurms: „Worming From Home“ überrascht mit feinsinnigem Quatsch
News

Im Körper eines Bürowurms: „Worming From Home“ überrascht mit feinsinnigem Quatsch

„Worming From Home“ ist eine skurrile Physik-Simulation, in der man als Wurm im Homeoffice die Beförderung anstrebt. Wir erklären, warum das Spiel trotz absurder Prämisse ernsthaft gut ist.

D
Dennis Adam
TEILEN: Twitter Reddit

Ein unerwartetes Stehaufmännchen in der Steam-Flut

Heute ist auf Steam wieder einiges los, doch ein Titel schlängelt sich in den Vordergrund: „Worming From Home“ ist seit dem heutigen 5. September erhältlich. Das Spiel stammt von einem Zwei-Personen-Team und kostet rund sechs Euro. Es ist eine Physik-basierte Simulation, bei der man nicht etwa einen Menschen, sondern einen Wurm durch den Alltag steuert.

Die Ausgangslage klingt nach einem schlechten Scherz: Man ist ein Wurm, arbeitet aber im Homeoffice. Doch der Scherz hat ernsthaftes Fundament, denn die Steuerung ist trotz physikalischen Chaos angenehm präzise, wie ein erster Spieldurchlauf zeigt. Nach 30 Minuten war noch kein Frustmoment zu spüren, was bei diesen Spielen keine Selbstverständlichkeit ist.

Dass „Worming From Home“ heute zwischen zahlreichen größeren Releases untergehen dürfte, ist schade, denn es bietet mehr Tiefgang als der augenzwinkernde Trailer vermuten lässt.

Vom Bürowurm zum Senior Financial Analyst

Spielstart ist ein Anruf vom Chef: Nach sechs Jahren Betriebszugehörigkeit winkt endlich die Beförderung zum Senior Financial Analyst. Voraussetzung dafür ist eine gesteigerte Arbeitsleistung, die der Boss nicht als bloßes Würmer-Spiel abtut. Man darf also auf keinen Fall auffliegen.

  • Der Task Board gibt Aufgaben vor, die ans übliche Büroleben erinnern.
  • E-Mails an Kollegen beantworten, Tabellenkalkulationen ausfüllen.
  • Manche Aufgaben erfordern Umgebungs-Erkundung, etwa das Eintragen der Körpergröße in Excel.
  • Andere setzen Mathe-Kenntnisse und Mustererkennung voraus, teils mit striktem Zeitlimit.

Die Mischung aus konzentriertem Erledigen und wuseliger Steuerung erzeugt eine seltene Form von produktivem Chaos. Man besteht nur, wenn man die Umgebung clever nutzt, etwa durch Kabelkanäle oder unter Schreibtischen hindurch.

Die gewagte Balance zwischen Wurm und Karriere

Das Spiel verlangt nicht nur professionelles Agieren, sondern auch Wellness für den Wurm. Die Work-Life-Balance ist wörtlich gemeint, man muss sie aber selbst herstellen.

  • Neben dem Job lassen sich Sport, Lesen und Shopping in den Alltag einbauen.
  • Ausrüstung umfasst wurmige Kosmetik, hauptsächlich verschiedene Hüte.
  • Mit Insiderinformationen darf man sogar am Aktienmarkt zocken.
  • Optional kann man mit Kollegen flirten, was sich auf die Beförderung wohl eher kontraproduktiv auswirkt.

Diese Extras sorgen dafür, dass man ständig zwischen Prioritäten jongliert. Wer alles unter einen Hut bringen will, merkt schnell, dass der Wurm nicht nur im Büro, sondern auch im Privatleben gefordert ist.

Ein Verbündeter namens Clippy-Emulation

Ein markantes Feature ist ein Maskottchen, das an den legendären Office-Assistenten Clippy aus alten Microsoft-Programmen erinnert. Es kommentiert das Geschehen und gibt Hinweise, ohne dabei aufdringlich zu sein. Dieser Ton unterstützt die Atmosphäre, die zwischen Selbstironie und beinahe professionellem Büro-Charme schwankt.

Die Entwickler haben offenbar verstanden, dass eine gute Präsentation nicht mit Hochglanzgrafik beginnt. Die liebevoll gestalteten Details, etwa das Schlängeln über die Tastatur oder das Ausweichen vor der eigenen Schwanzspitze, erzeugen ständig kleine Lacher. Trotz des augenscheinlichen Low-Fidelity-Stils fühlt sich alles rund an.

Zwei Köpfe, eine ungewöhnliche Vision

Über das Entwicklerteam ist offiziell nur bekannt, dass es aus zwei Personen besteht. Nennenswerte Vorgängertitel sind nicht dokumentiert, was ein Hinweis auf ein Debüt-Projekt sein könnte. Bei vielen Indie-Perlen dieser Schiene bleibt die Studiohistorie aber bewusst nebulös; oft ist der erste große Wurf dann so überraschend wie hier.

Gerade die Kombination aus alltäglichem Bürokontext und biologisch absurder Wurm-Perspektive zeugt von einem frischeren Blick als so mancher ausgelatschtes AAA-Konzept. Die Entwickler zeigen Mut zum seltsamen Einfall, ohne dabei in puren Nonsens abzudriften.

Auf der Suche nach den Perlen im Uhrfutter

Die heutige Steam-Veröffentlichungswelle umfasst von Action-Blockbustern bis hin zu Koop-Spielen viele übliche Verdächtige. In diesem Lärm gehen kleine Titel wie „Worming From Home“ schnell unter, und genau das ist das Problem der Plattform: Algorithmen bevorzugen Klickraten, nicht künstlerische Kreativität.

Die Branche erlebt gerade eine Renaissance von Nischen-Simulationen, die Alltagssituationen mit absurden Regeln unterlegen. Doch nur wenige erreichen die spielerische Feuchtigkeit von „Worming From Home“. Der Titel zeigt, dass Indie-Teams immer noch mit minimalen Ressourcen maximale Charakterkomik erzeugen können.

Ein Abschied mit positiven Bauchgefühlen

Nach 30 Minuten war für mich klar: Dieses Spiel gehört in die Reihe jener kuriosen Empfehlungen, die man an Freunde weitergibt, wenn man nach einem Fun-Faktor-Wochenende sucht. Für einen Sechser bekommt man eine Handvoll präziser Physik-Lacher, einen charmanten Kommentator und eine Aufgabenliste, die die eigene Blase platzen lässt.

Ob die Level auf Dauer abwechslungsreich bleiben, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Die bisherige Route jedoch, gepaart mit der sorgfältigen Abstimmung der Spielgefühl-Kurve, macht Lust auf mehr Wurmemissionen. „Worming From Home“ ist mehr als eine bloße Eintagsfliege, es ist ein veritabler Wurm des guten Geschmacks.

VERWANDTE ARTIKEL