Der schlankste Editor der Welt?
Ein ehemaliger Microsoft-Programmierer hat einen Notepad-Ersatz veröffentlicht, der modernen Texteditoren die Stirn bietet. Das Programm kommt ohne Schnickschnack, ohne Datensammlung und ohne jede unnötige Funktion aus.
Die pure Implementierung eines Klons des Ur-Notepads belegt gerade einmal 2.686 Bytes auf der Festplatte. Das ist kleiner als ein durchschnittliches JPEG-Bild aus dem Jahr 2004.
Der Entwickler, ein Veteran der Redmonder Schmiede
Der Programmierer, der unter dem Pseudonym „byteSurgeon“ auftritt, arbeitete über sieben Jahre im Windows-Shell-Team von Microsoft. Zu seinen Aufgaben gehörte die Wartung des klassischen Notepads und des Datei-Explorers unter Windows 7 und 8.1.
Vor seinem Weggang 2019 war er Teil der PowerToys-Initiative, die moderne Windows-Utilities wiederbelebte. Seine ersten Open-Source-Arbeiten umfassten einen 32-Bit-Taschenrechner-Klon (2020, 1.472 Bytes) und einen reinen Hex-Viewer (2021, 1.821 Bytes). Beide Projekte teilen die gleiche Philosophie: ausschließlich Win32-API-Code in MASM (Microsoft Macro Assembler) geschrieben, ohne C-Runtime-Library.
Frühere Releases und die Miniatur-Serie
Der Notepad-Klon ist der dritte in einer inoffiziellen Serie, die byteSurgeon „NanoWare“ nennt. Jedes Programm wird als einzelne EXE ausgeliefert, die direkt aus dem Speicher läuft, kein Installer, keine Abhängigkeiten.
| Projekt |
Größe |
Jahr |
| calc_nano |
1.472 Bytes |
2020 |
| hex_nano |
1.821 Bytes |
2021 |
| pad_nano |
2.686 Bytes |
2024 |
Die Quelltexte liegen auf GitHub unter einer MIT-Lizenz. Bisher verzeichnet pad_nano rund 1.200 Stars, aber keine Merge-Requests, byteSurgeon lehnt Änderungen ab, die die Codebasis aufblähen könnten.
„No bloat, no telemetry, no nonsense“
- Der Entwickler, ein früherer Coding-Wizard aus Redmond, verspricht absolute Schlichtheit
- Keine versteckten Hintergrundprozesse, der Editor startet sofort und tut genau das, was er soll
- Kein Telemetrie-Code, keine Verbindung zu Servern, kein Sammeln von Nutzungsdaten
- Kein Overhead, das Programm läuft auf jeder Windows-Version von XP bis 11
Das Motto des Projekts lautet: „No bloat, no telemetry, no nonsense.“ Eine Ansage in Zeiten von Electron-Apps, die hunderte Megabyte groß sind.
Branchenkontext, wie schlank ist schlank?
Zum Vergleich: Der populäre Editor Notepad++ (basierend auf Scintilla) belegt rund 4 Megabyte auf der Festplatte, das 1.500-Fache von pad_nano. Notepad2 (vom gleichen Autor wie Notepad++) ist mit 1,5 MB noch recht kompakt, aber immer noch 560-mal größer.
Selbst das aktuelle Windows-Notepad (ab Windows 10) benötigt etwa 1,2 MB inklusive moderner UI, Tabs und Unicode-Unterstützung. Der Nano-Editor verzichtet auf all das, unterstützt nur ANSI-Text und keinerlei Codepages.
In der Retro-Computing-Szene gelten Programme unter 5 KB als Kunstform. Frühe DOS-Editoren wie QEDIT (8992 Bytes) oder EDLIN (ca. 8 KB) waren zwar ähnlich klein, aber nicht auf modernen Windows-APIs aufgebaut.
Warum das für Gamer interessant ist
Retro-Gaming und minimalistische Tools liegen im Trend. Wer alte Spiele auf schwacher Hardware zocken will, freut sich über jedes Programm, das keine Systemressourcen frisst.
Der Notepad-Klon ist ein Paradebeispiel für effiziente Programmierung, genau das, was viele Indie-Entwickler von modernen Tools vermissen.
Wie geht es weiter?
Der PCGamer-Bericht endet mit einer vielsagenden Frage: „How about tackling File Explorer next?“ Ein minimalistischer Datei-Explorer ohne Bloat und Telemetrie wäre der logische nächste Schritt.
Bisher gibt es keine offizielle Stellungnahme des Entwicklers zu diesem Vorschlag. Der Notepad-Klon ist jedoch bereits verfügbar und zeigt, dass weniger manchmal mehr ist.
Technische Besonderheiten, Assembly statt Framework
pad_nano besteht aus genau einer MASM-Quelldatei (ca. 120 Zeilen). Der Programmcode nutzt ausschließlich die Fenster-API CreateWindowEx und die Nachrichtenschleife GetMessage. Kein Ressourcendialog, keine Menüleiste, nur die nackte Edit-Steuerung.
Die gesamte EXE ist position-unabhängig, sie kann von einem USB-Stick, einer Diskette oder direkt aus der Windows-Zwischenablage gestartet werden. Eine Analyse mit die.exe (einem PE-Analyzer) zeigt: Null Importe außer user32.dll, kernel32.dll und comctl32.dll. Keine .NET-Runtime, kein C++-Overhead.
Kritik aus der Community
Einige Nutzer auf Hacker News bemängeln die fehlende Unicode-Unterstützung und die Beschränkung auf 32 KB maximale Dateigröße, eine harte Grenze aus dem alten Windows-Notepad. byteSurgeon antwortete darauf: „Mehr als 32 Kilobyte in einem Texteditor sind ein Zeichen von Bloat. Für größere Dateien empfehle ich einen echten Editor wie Vim oder Emacs, die wiegen dann halt ein paar Megabyte mehr.“ Die Antwort hat in der Szene für Schmunzeln gesorgt.
Moderne Software kann auch ohne aufgeblähte Frameworks auskommen. 2.686 Bytes sind der Beweis.