Keine Paste mehr? Noctuas Kohlefaser-Wunder, aber bleibt lieber beim Alten
BESCHREIBUNG: Noctua zeigte auf der Computex eine Wärmeleitpaste-Alternative aus Kohlenstoff-Nanoröhren, doch für euren Sommer-Upgrade raten wir zur klassischen Paste.
Noctua und AMD wollen die Kleckerei beenden
Das Auftragen von Wärmeleitpaste ist für viele Bastler ein kleiner Horror. Zu viel, zu wenig, verschmiert, und schon wird der Kühler schief.
Noctua hat auf der Computex eine Alternative auf Basis von Kohlenstoff-Nanoröhren (CNT) gezeigt. In Kooperation mit AMD, versteht sich: Die neue Lösung soll ohne das lästige Auftragen auskommen.
Wie funktioniert diese CNT-Alternative?
Statt pastöser Masse kommt ein dünnes, festes Pad aus Kohlenstoff-Nanoröhren zum Einsatz. Es wird einfach zwischen CPU und Kühler gelegt.
- Kein Sauerei, kein Dosieren.
- Kein Trocknen oder Pump-Out-Effekt.
- Theoretisch perfekte Wärmeleitung durch die Ausrichtung der Nanoröhren.
Auf den ersten Blick klingt das nach einem Traum für jeden, der schon mal Paste auf der Grafikkarte verteilt hat.
Warum ich (und ihr) diesen Sommer lieber zur Paste greift
Dennoch: Für das anstehende CPU-Upgrade im Sommer, Stichwort Prime Day, rate ich zur altbewährten Paste. Der Haken ist die fehlende Flexibilität.
- CNT-Pads sind starr und passen sich nicht an unebene Heatspreader an.
- Bei älteren oder leicht gewölbten CPUs entstehen Lufteinschlüsse, tödlich für die Kühlung.
- Die Paste hingegen gleicht Mikro-Unregelmäßigkeiten aus.
Noctua selbst spricht von einer Lösung für bestimmte Upgrader. Wer also einen brandneuen Prozessor mit perfekt planarer Oberfläche einbaut, kann das Pad testen. Alle anderen bleiben besser bei der Tube.
Wer steckt dahinter? Noctua und die CNT-Entwicklung
Noctua wurde 2005 in Österreich gegründet und ist bekannt für Hochleistungslüfter und Kühler wie den NH-D15. Das Unternehmen brachte 2020 die Wärmeleitpaste NT-H2 mit einer Wärmeleitfähigkeit von 8,5 W/mK auf den Markt. Die CNT-Pads sind keine spontane Idee: Noctua forscht seit 2019 an festen Wärmeleitfolien, damals noch in Eigenregie.
Die Kooperation mit AMD zielt auf künftige Ryzen-9000-Prozessoren ab. AMDs Sockel AM5 hat einen etwas dickeren Heatspreader als Vorgänger. Die Pad-Dicke von 0,2 Millimetern soll exakt darauf abgestimmt sein. Konkrete Verkaufsdaten oder Preisnennungen gibt es noch nicht, aber Quellen aus der Branche nennen 15 bis 20 Euro pro Stück, das Doppelte von Noctuas NT-H2.
Vergleich mit bestehenden Lösungen und Marktkontext
CNT-Pads sind kein neues Konzept. Thermal Grizzly verkauft seit 2020 das Carbonaut-Pad aus Graphit. Es ist flexibler als Noctuas Variante, aber auch empfindlicher gegen mechanische Belastung. Tests zeigen: Carbonaut erreicht unter idealen Bedingungen rund 25 W/mK, in der Praxis oft unter 15 W/mK, schlechter als hochwertige Pasten wie Kryonaut (12,5 W/mK) oder Conductonaut (flüssiges Metall, 80 W/mK).
Der Markt für Wärmeleitlösungen wächst jährlich um 5 Prozent. Pasten dominieren mit 85 Prozent Anteil, Pads werden vor allem in Laptops und seriengefertigten Systemen genutzt. Der Grund: Pads sind leichter zu automatisieren. Für Endkunden ist der Vorteil gering, da die Performance oft unter guter Paste liegt. Noctua selbst rät in internen Dokumenten von einer Nutzung auf CPUs mit unebener Oberfläche ab. Das betrifft viele gebrauchte oder ältere Modelle.
Die CNT-Technologie von Noctua nutzt senkrecht ausgerichtete Nanoröhren auf einer dünnen Kunststoffmatrix. Die Wärmeleitfähigkeit wird mit 30 W/mK angegeben, unter Laborbedingungen. Im realen Betrieb sinkt der Wert durch Lufteinschlüsse auf 15 bis 20 W/mK. Zum Vergleich: Noctuas NT-H2 liefert konstant 8,5 W/mK, gleicht aber Unebenheiten aus. Ein Pad kann diese Unebenheiten nicht kompensieren.