Verpasste Chance aus VR-Zeiten
Als Early Adopter der PlayStation VR verkaufte ich mein Headset nach einem Jahr der Flaute an neuen Spielen. Kaum war es weg, erschien 2018 Moss, ein kritisches Highlight der VR-Ära. Ich habe mir seitdem die Finger geleckt.
Nun bietet Moss: The Forgotten Relic eine zweite Chance. Die Kompilation packt beide Moss-Spiele für Konsolen ohne VR-Zwang. Nach einer kurzen Demo bin ich überzeugt: Der Charme überlebt den Bildschirmwechsel.
Was Moss: The Forgotten Relic bietet
- Enthält Moss und Moss: Book 2 in einem Paket
- Komplett überarbeitet für Standard-Controller und TV-Bildschirm
- Spieler schlüpft in die Rolle des Readers, der in ein Märchenbuch blickt
Die Perspektive bleibt fixiert, ein Überbleibsel der VR-Herkunft. Man schaut von oben auf die winzige Maus Quill und ihre Abenteuer. Das fühlt sich nicht fehl am Platz an, sondern wie eine liebevolle Erzählperspektive.
Hintergrund: Polyarc und die Moss-Reihe
Entwickler Polyarc wurde 2015 in Seattle von Ex-Bungie-Mitarbeitern gegründet, darunter Tam Armstrong und Chris Alderson, die zuvor an Destiny und Halo arbeiteten. Ihr Debüt Moss erschien 2018 exklusiv für PlayStation VR und erreichte auf Metacritic einen Durchschnitt von 88. Zwei Jahre später folgte der Oculus- und Steam-VR-Release. Moss: Book 2 kam 2022 mit einer Wertung von 86 auf die VR-Plattformen. Beide Titel verkauften sich laut Polyarc zusammengenommen über 500.000 Einheiten, ein respektabler Wert für ein Nischensegment.
Moss: The Forgotten Relic vereint beide Teile mit technischen Verbesserungen: 4K-Auflösung und 60 Bilder pro Sekunde auf aktuellen Konsolen, adaptiver Trigger-Support auf PS5 und Xbox Series. Der Preis liegt bei 39,99 Euro. Das Bundle enthält keine neuen Level, aber die Steuerung wurde komplett auf Tastatur und Gamepad umgeschrieben. Die bisherigen VR-Versionen bleiben separat erhältlich.
Gameplay-Eindrücke aus der Demo
Die Demo führte mich durch einen frühen Abschnitt von Moss: Book 2. Ich lernte, Quill zu bewegen und die Umwelt zu beeinflussen.
- Per Schultertaste greife ich nach Mechanismen, Türen öffnen, Plattformen heben
- Gegnerische Käfer kann ich mit einem ätherischen blauen Licht führen und auf Druckplatten lenken
- Ein besonderer Moment: Quill wird niedergestreckt, der Reader greift ins Buch, per Knopfdruck, aber die Geste wirkt
Das Greifen fühlt sich nicht grob an, sondern wie ein sanfter Cursor-Zug. Die Steuerung ist intuitiv, wenn auch nicht so immersiv wie in VR.
Kampfsystem mit Tücken
Quill kämpft mit einem Schwert gegen Käfer. Später kommt ein Hammer dazu, den eine Statue freigibt.
- Normale Schläge wirken gegen weiche Gegner
- Harte Panzer erfordern einen aufgeladenen Angriff: Knopf halten, ein blauer Hammer-Umriss schwebt, dann per Cursor auslösen
- Diese Verzögerung dient auch für Puzzles, man legt einen Schlag auf eine Druckplatte, während Quill sich positioniert
Die Demo war niedrigschwellig, aber die mehrstufige Mechanik könnte im vollen Spiel hektisch werden. Zum Glück blieb der Druck gering.
Branchenkontext: VR-Portierungen auf den flachen Bildschirm
Polyarc ist kein Einzelfall. Schon 2019 erschien Trover Saves the Universe von Squanch Games parallel für VR und Standardbildschirm. The Walking Dead: Saints & Sinners bekam 2022 eine Non-VR-Version. Astro Bot Rescue Mission (VR) inspirierte das flache Astro’s Playroom. Der Unterschied: Moss wurde von Grund auf für VR designt, die Third-Person-Perspektive und die direkte Interaktion über die Reader-Figur erleichtern die Übersetzung. Trotzdem verlieren die Bewegungen des ätherischen Cursors das physische Element: Man zielt nicht mehr mit dem Kopf, sondern mit dem rechten Stick.
Eine ähnliche Portierung fehlt für Spiele wie Half-Life: Alyx oder Lone Echo. Der Aufwand für eine Umsetzung ohne VR wäre immens. Moss profitiert von seiner überschaubaren Spielwelt und der isometrischen Kameraführung. Laut Metacritic liegen die Bewertungen der neuen Version bisher zwischen 82 und 87, nahe an den VR-Originalen.
Fazit: Charmantes Abenteuer für alle
Die Demo endete, kurz bevor ein bosshafter Gegner auftauchte, riesig im Vergleich zur kleinen Maus. Moss: The Forgotten Relic wirkt wie eine liebevolle Umsetzung. VR mag die optimale Erfahrung bleiben, doch für alle, die kein Headset besitzen, oder es voreilig verkauft haben, ist diese Version eine echte Wiedergutmachung.
Zum Preis von 39,99 Euro bietet die Kompilation rund zehn Stunden Spielzeit. Die Endgegner in Moss: Book 2 erfordern laut Entwicklern etwa drei bis vier Versuche, eine Zahl, die ich nach der Demo gern selbst prüfen würde.