Der Anruf kommt von innen
Netflix hat ein Horrorspiel veröffentlicht, das die vierte Wand einreißt. Es zwingt Spieler, ihr Smartphone beiseite zu legen und die reale Umgebung zu erkunden. Der Slogan „The call is coming from inside the house“ wird wörtlich genommen.
Ein mutiger Ansatz
- Das Spiel verzichtet auf klassische Bildschirmsteuerung.
- Es nutzt Kamera und Sensoren des Geräts.
- Spieler müssen sich im Raum bewegen, Gegenstände finden und Rätsel lösen.
Die Atmosphäre ist dicht, die Geräuschkulisse unheimlich. Man fühlt sich beobachtet.
Die Fallstricke der Technik
Doch die Umsetzung hinkt. Die Umgebungserkennung funktioniert nicht immer zuverlässig. Rätsel lassen sich nur umständlich lösen, die Immersion bricht immer wieder ein.
Das Konzept erinnert an die Experimente der frühen VR-Ära. Damals scheiterte vieles an der Hardware. Heute sind es die Software-Grenzen.
Die Macher und ihre Vorgeschichte
Entwickelt wurde das Horrorspiel vom finnischen Studio Next Games, das Netflix 2022 übernahm. Next Games war zuvor für Stranger Things: Puzzle Tales und The Walking Dead: No Man’s Land bekannt, beide nutzen Standortdaten und Echtzeit-Interaktion.
The Walking Dead: No Man’s Land ließ Spieler Zombies in der realen Umgebung jagen. Das neue Projekt ist der nächste Schritt: Statt GPS kommen Kamera und Gyrosensoren zum Einsatz. Laut Creative Director Mikko Kinnunen dauerte die Entwicklung 18 Monate, das Budget lag bei rund 1,5 Millionen Euro.
Das Spiel ist ein Originalwerk, nicht an eine bestehende Netflix-Serie gebunden. Es bietet fünf verschiedene Enden, die je nach gefundenen Hinweisen freigeschaltet werden. Die Spieldauer beträgt etwa 45 Minuten pro Durchgang.
Ein weiterer Baustein
Netflix hat bereits mit interaktiven Filmen wie Bandersnatch Erfahrungen gesammelt. Das neue Horrorspiel geht einen Schritt weiter: Es verlässt den Bildschirm und dringt in den Wohnraum ein.
Der Schritt ist logisch. Aber die Technik muss nachziehen.
Konkurrenz und Marktposition
Vorreiter dieser Art von physischer Immersion war The Beast (Microsoft, 2016), ein AR-Krimi, der SMS und Sound nutzte. Netflix’ Ansatz ist technisch ambitionierter, aber strukturell ähnlich. Auch Night Terrors (2018) für iOS versuchte, Spieler durch reale Räume zu führen, und scheiterte an denselben Sensorproblemen.
Im Vergleich zu klassischen Horrorspielen wie The Dark Pictures: Little Hope (Supermassive Games) oder Until Dawn fehlt dem Titel die erzählerische Tiefe. Dafür bietet er eine physische Präsenz, die kein Bildschirmspiel erreicht. Testberichte von Gamestar und 4Players loben die Grundidee, kritisieren aber die unzuverlässige Objekterkennung bei schlechtem Licht.
Fazit für Mutige
Für Horrorspiel-Fans, die etwas Neues suchen, ist der Titel einen Abend wert. Kurz, intensiv, aber nicht durchgängig packend.
Wer auf polierte Mechaniken hofft, wird enttäuscht. Der Anruf kommt an, die Leitung rauscht. Wer abhebt, erlebt einen originellen, aber holprigen Albtraum.