Nostalgie trifft Realität
Ein ehemaliger PlayStation-Chef schlägt Alarm. Es ist Shawn Layden, der von 2014 bis 2019 die Worldwide Studios von Sony leitete. Er verantwortete damals Exklusivtitel wie The Last of Us Part II und Spider-Man. Sony werde einen zentralen Erfolgsfaktor der PlayStation 2 in der aktuellen Generation nicht reproduzieren können. Der Grund: die explodierenden Hardwarekosten.
Die Diskussion um Laydens Aussage fällt in eine Zeit, in der Sony die PS5-Pro (angekündigt für 2024) mit einem Preis von rund 600 USD plant. Die Herstellungskosten der aktuellen PS5 liegen Schätzungen zufolge bei über 450 USD, nur 50 USD unter dem Verkaufspreis von 499 USD. Ein Verlustgeschäft wie bei der PS2 wäre heute wirtschaftlich nicht tragbar.
Was die PS2 so besonders machte
- Die PS2 war bei Release günstig und bot einen DVD-Player.
- Sony verkaufte die Konsole zunächst mit Verlust, um Marktanteile zu gewinnen.
- Das Unternehmen konnte dank sinkender Komponentenpreise schnell nachlegen.
Die PS2 startete im Jahr 2000 für 299 USD in den USA. Schätzungen gehen davon aus, dass Sony pro Konsole rund 100 USD Verlust machte. Der DVD-Player war ein entscheidender Hebel: Er ersetzte für viele Haushalte ein separates Gerät und senkte die Einstiegshürde. Bis 2012 hatte sich die PS2 über 155 Millionen Mal verkauft, bis heute die meistverkaufte Konsole der Welt. Die Produktion lief bis 2013, Spiele erschienen sogar noch zwei Jahre länger. Ein solcher Produktlebenszyklus ist aufgrund der schnelleren technischen Veralterung heute kaum noch denkbar.
Warum das heute nicht mehr klappt
- Moderne Hardware ist teurer in der Entwicklung und Produktion.
- Chips, SSDs und Kühlsysteme treiben die Kosten in die Höhe.
- Eine aggressive Preisstrategie wie damals ist heute nicht mehr möglich.
Ein einzelner Grafikprozessor in der PS5 (der AMD-Oberon-Chip) kostet in der Fertigung bei TSMC über 100 USD. Die kundenspezifische SSD mit 825 GB und extrem niedrigen Latenzen ist ebenfalls teurer als eine Standard-HDD. Hinzu kommen aufwendige Kühllösungen: Die PS5 verbraucht rund 200 Watt unter Last, die PS2 lag bei etwa 40 Watt. Mit jedem neuen Fertigungsknoten (7 nm, 5 nm, 3 nm) steigen die Wafer-Preise bei TSMC exponentiell, von etwa 3.000 USD pro Wafer bei 28 nm auf über 17.000 USD bei 3 nm. Sony kann diese Kosten nicht einfach durch spätere Preissenkungen ausgleichen, weil die Komponenten nicht so schnell günstiger werden wie damals.
Die Aussage des Ex-Chefs
Der frühere PlayStation-Boss machte klar: Der Erfolg der PS2 basierte auf einem Mix aus günstiger Hardware und cleverem Marketing. Genau diese Mischung sei heute nicht mehr machbar. Die Kosten für leistungsfähige Komponenten seien zu hoch.
Shawn Layden präzisierte in einem Interview mit dem Magazin GamesIndustry.biz: „Die PS2-Ära war ein perfekter Sturm aus Timing, Technologie und Preis. Heute gibt es keine DVD-Sprunginnovation, die die Kunden lockt, und die Chipkosten sind durch die Decke gegangen.“ Sein Weggang von Sony im Jahr 2019 wird oft mit dem Misserfolg interner Live-Service-Projekte in Verbindung gebracht; seitdem spricht er offen über strukturelle Probleme der Branche.
Konsequenzen für Sonys Strategie
- Sony setzt nun stärker auf Exklusivtitel und Abo-Dienste.
- Die Zeiten der verlustreichen Hardwareverkäufe scheinen vorbei.
- Der Fokus liegt auf Margen und Service-Umsätzen.
Konkret bedeutet das: Sony forciert den PlayStation Plus-Dienst mit über 50 Millionen Abonnenten (Stand 2023) und portiert Exklusivtitel wie Horizon Forbidden West oder God of War Ragnarök zeitverzögert auf den PC, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Die PS5 selbst wird in drei Varianten verkauft (Digital Edition, Standard, Pro), wobei die teurere Pro-Version die höchste Marge abwirft, ein Modell, das an Apples iPhone-Strategie erinnert.
Wer war Shawn Layden? Ein Blick auf seine Ära
- Layden leitete Sony Worldwide Studios von 2014 bis 2019.
- Unter ihm entstanden PS4-Exklusivtitel wie The Last of Us Part II (10 Mio. Verkäufe in drei Tagen), God of War (2018) und Spider-Man (20 Mio. Stück).
- Vorher arbeitete er bei Sony Computer Entertainment America und war an der Markteinführung der PS2 und PS3 beteiligt.
Seine Warnung kommt nicht von ungefähr. Layden erlebte beide Seiten mit: die verlustreiche PS2-Expansion und den margenstarken PS4-Zyklus, bei dem Sony die Konsole von Anfang an profitabel verkaufte (PS4-Kosten unter 400 USD bei 399 USD Verkaufspreis). Die PS4 erreichte rund 117 Millionen Einheiten, weit entfernt von der PS2, aber immer noch ein Erfolg.
Branchenkontext: Microsoft und Nintendo im Vergleich
- Microsoft verkauft die Xbox Series X often mit Verlust, setzt aber auf Game Pass (34 Mio. Abos, Stand 2024).
- Nintendo nutzt ältere, günstige Hardware: Die Switch (Tegra-X1-Chip von 2015) kostet unter 300 USD in der Herstellung.
- Sonys Strategie liegt dazwischen: teure Hardware, aber hohe Markenbindung durch Exklusivtitel.
Die Switch verkaufte sich über 140 Millionen Mal, obwohl die Hardware technisch hinter der PS4 zurückblieb. Nintendos Ansatz zeigt: Niedrige Kosten erlauben aggressive Preise (299 USD ab Start) und lange Verkaufszyklen. Sony kann diesen Weg nicht gehen, weil die PS5 auf Höchstleistung getrimmt ist, ein Wettlauf um 4K/60fps, den die PS2 nie antrat.
Ende einer Ära
Times have definitely changed, so die lapidare Zusammenfassung des Ex-Chefs. Die PlayStation 2 bleibt ein historisches Phänomen. Unter heutigen Bedingungen ist ihr Erfolgsmodell nicht wiederholbar.
Die PS2 verkaufte sich 155 Millionen Mal. Die PS5 liegt nach drei Jahren bei etwa 55 Millionen Einheiten. Selbst wenn der aktuelle Zyklus sieben Jahre läuft, wird sie kaum die 120-Millionen-Marke knacken. Die Kostenkurve ist zu steil, der Abstand zu Smartphones und PCs zu groß. Sonys Zukunft liegt nicht mehr in der Verlustjagd um Marktanteile, sondern in der Marge, eine nüchterne Bilanz, die Layden mit seinem Rücktritt vor fünf Jahren bereits vorweggenommen hat.