Die Hardware-Krise erreicht den Retro-Markt
Die Produzenten von Evercade stehen aktuell vor massiven Herausforderungen bei der Beschaffung notwendiger Komponenten. Die als "RAMageddon" bezeichnete Knappheit bei Arbeitsspeichern zwingt das Unternehmen zu drastischen Maßnahmen im Einkauf.
Hinter Evercade steht das britische Unternehmen Blaze Entertainment, das 2011 von Andrew Byatt gegründet wurde. Die Firma spezialisierte sich ursprünglich auf den Vertrieb von Lizenzhardware, etwa die tragbaren Atari Flashback-Konsolen.
Strategische Reaktionen auf den Mangel
Um die Produktion der Evercade-Systeme aufrechtzuerhalten, greift der Hersteller zu einer aggressiven Einkaufsstrategie. Die Verantwortlichen kaufen verfügbare Speicherbauteile in großen Mengen und weit vor dem eigentlichen Bedarf auf.
Folgende Maßnahmen prägen den aktuellen Arbeitsalltag:
- Vorzeitige Sicherung sämtlicher verfügbarer RAM-Bestände bei Zulieferern.
- Massive Lagerhaltung der Bauteile zur Sicherung der Produktionsketten.
- Aktive Suche nach alternativen Bezugsquellen für kritische Hardware-Komponenten.
Die Firma agiert als Nischenakteur, der im Gegensatz zu Konzernen wie Sony oder Nintendo keine langfristigen Abnahmegarantien bei Halbleiterherstellern besitzt. Ohne das Volumen der großen Elektronikkonzerne konkurriert Blaze Entertainment auf dem Spotmarkt für elektronische Bauteile direkt mit Industriekunden.
Historie und Portfoliostruktur
Die Evercade-Plattform startete 2020 mit der gleichnamigen Handheld-Konsole, die physische Module nutzt. Das Konzept basiert auf lizenzierten Sammlungen von Spielen der 8-Bit- bis 32-Bit-Ära, vertrieben auf proprietären Cartridges.
Die Hardware-Historie umfasst:
- Evercade Handheld (2020): Fokus auf 4,3-Zoll-Bildschirm und HDMI-Ausgang.
- Evercade VS (2021): Stationäre Heimkonsole für bis zu vier Spieler.
- Evercade EXP (2022): Upgrade mit höherer Bildschirmauflösung und TATE-Modus.
- Evercade VS-R und EXP-R (2024): Überarbeitete Revisionen mit aktualisierten Gehäusefarben.
Die Spielesammlungen umfassen mittlerweile über 500 Titel von Publishern wie Atari, Namco, Data East und Technos. Die Veröffentlichungspolitik setzt auf physische Module, was das Unternehmen extrem anfällig für Schwankungen in der Lieferkette macht.
Branchenkontext und Hardware-Problematik
Der Vergleich mit anderen Systemen zeigt die Schwierigkeit der aktuellen Lage. Während Analogue (bekannt für den Pocket) auf teure FPGAs setzt, nutzt Evercade dedizierte Embedded-Systeme.
Diese Chipsätze benötigen spezifische Arbeitsspeicherbausteine, die bei einem Engpass auf dem globalen Markt kaum durch andere Typen ersetzt werden können. Die Abhängigkeit von diesen Bauteilen führt dazu, dass jede Produktionsunterbrechung die gesamte Produktlinie stoppt.
Auswirkungen auf die Produktion
Die Knappheit betrifft nicht nur einzelne Bauteile, sondern beeinträchtigt die gesamte Planung der Hardware-Fertigung. Die Hersteller müssen ihre Ressourcen so verteilen, dass die Verfügbarkeit der Konsolen trotz der Marktlage gewährleistet bleibt.
Die Firmenleitung beschreibt den aktuellen Zustand als eine bisher unbekannte Belastungsprobe. Die Lagerhaltungskosten für diese vorab gekauften Speicherchips belasten die Bilanz des Unternehmens stärker als die eigentliche Produktion.
Aktueller Stand am 20. Juli 2026
Die Evercade-Plattform ist weiterhin auf dem Markt präsent und wird aktiv vertrieben. Die Hersteller priorisieren die Sicherung der Lieferkette, um den Verkauf der Hardware sicherzustellen. Die Branche beobachtet die Preisentwicklungen bei Speicherbauteilen mit Skepsis.
Der aktuelle Spotmarktpreis für DDR3- und LPDDR-Speicherbausteine, wie sie in den Evercade-Systemen verbaut werden, liegt derzeit 40 Prozent über dem Durchschnittspreis des Vorjahres. Einige Retailer berichten von sporadischen Lieferverzögerungen bei den Modul-Bundles, während die Konsolenhardware in europäischen Märkten aktuell noch lieferbar ist.