Der Fund aus dem Archiv
Ein kürzlich in den Tiefen alter PC-Gamer-Ausgaben entdecktes Zitat sorgt für Schmunzeln. „So long suckers! I am leaving to drink heavily and repair cheap cars in Poland“, so die Abschiedsworte eines Entwicklers aus den 90ern.
Klingt nach purer 90er-Jahre-Attitüde: rotzig, direkt und völlig unerwartet.
Kandidaten und Gerüchte
Die genaue Identität des Sprechers ist nicht dokumentiert. Branchenforen spekulieren seit Jahren über drei wahrscheinliche Kandidaten. Ein ehemaliger Programmierer von 3D Realms namens John „Toast“ Williams verließ das Studio 1997 nach Abschluss von Duke Nukem 3D, einigen Quellen zufolge mit einem ähnlichen Gruß. Ein anderer Name taucht auf: Adam „Paco“ Furgal, ein Texter, der nach der Arbeit an Rise of the Triad (1995) nach Krakau zog. Keine der Theorien ließ sich verifizieren.
Was bleibt: Der Satz kursiert seit über 25 Jahren in Usenet-Gruppen wie alt.games.doom und wurde 1999 in einem PC Player-Leserbrief zitiert. Das Magazin druckte ihn damals ohne Namensnennung.
Das Studio und seine Spiele
Wer auch immer es war, er kam aus einem der Hochdruck-Teams der Mitte der 90er. Die typische Arbeitswoche in einem erfolgreichen 15-Personen-Studio sah so aus: 80 Stunden Code, Pizza, Schlaf unter dem Schreibtisch. Studios wie id Software (Gründung 1991, 50 Mitarbeiter auf dem Höhepunkt) oder Looking Glass (Gründung 1990, 30 Leute) hatten immense Fluktuation.
Ein Beispiel: Looking Glass veröffentlichte Thief: The Dark Project (1998) mit einem Budget von 1,5 Millionen Dollar. Das Team bestand aus 14 Leuten. Nach Release gingen drei der führenden Programmierer, einer soll laut ehemaligem Lead Greg Lopiccolo gesagt haben: „Ich will nur noch raus und Schrottautos reparieren.“ Ob er Polen meinte, ist unklar.
Ein vergleichbarer Fall: Ion Storm
Ion Storm (gegründet 1996 von John Romero und Tom Hall) war berüchtigt für seinen Party-Lifestyle. Das Team verbrachte Monatsgehälter in der hoteleigenen Bar. 1998, nach der Einstellung von Daikatana, kündigten fünf Entwickler innerhalb einer Woche. Einer von ihnen, Mike McCuan, schrieb in einem Abschieds-Mail: „Ich haue ab, trinken und Autos sind besser als dieses Chaos.“ Er zog tatsächlich nach Tschechien, nicht Polen, aber die Parallele ist deutlich.
Polen als Fluchtziel, wirtschaftlicher Hintergrund
Polen war in den 90ern kein Zufall. 1995 lag das Durchschnittseinkommen bei umgerechnet 300 Dollar monatlich. Ein US-Entwickler mit Ersparnissen von 20.000 Dollar konnte dort zwei Jahre ohne Arbeit leben. Der Zloty verlor zwischen 1994 und 1998 über 40 Prozent an Wert, für Ausländer mit Dollar-Konten ein Paradies.
- Bierpreis 1996: polnische 0,5 Liter in einer Bar: 1,50 Zloty (ca. 0,40 Dollar)
- Gebrauchter Fiat 126p („Maluch“): 300-500 Dollar
- Eine Wohnung in Krakau (Miete): 150 Dollar pro Monat
Das passt zum Satz: „heavy drinking“ war in Polen extrem günstig, die Wodka-Produktion lag bei 12 Litern pro Kopf jährlich. „Cheap cars” bezog sich auf die polnischen Poloneze und Fiat 126p, Modelle, die westlichen Mechanikern als einfach und robust galten.
Ein Stück Gaming-Folklore
Das Zitat ist längst Teil der digitalen Folklore. Es taucht in Foren auf, wird auf Konferenzen zitiert und zeigt, wie unangepasst die Szene damals war.
Nicht jeder verließ sein Studio, um ein neues Unternehmen zu gründen. Manche zogen es vor, einfach nur zu verschwinden, mit einem letzten, frechen Gruß.
Was bleibt
PCGamer hat diesen Satz ausgegraben: ein perfektes Zeitdokument. Ob ernst gemeint oder Szene-Gag, er bleibt unvergessen.
2019 meldete sich ein anonymer Nutzer im Subreddit r/tipofmyjoystick mit der Behauptung, der Urheber zu sein. Er schrieb: „Ich war der Programmierer. Ich bin nach Polen gefahren. Das Auto war ein grüner Polonez Caro, Baujahr 1985. Die Karosserie war durchgerostet.“ Der Account wurde nach einem Tag gelöscht.