Sony schaltet die Presswerke ab
Ab 2028 will Sony keine neuen PlayStation-Spiele mehr auf Disc pressen. Die Ankündigung betrifft vor allem Konsolenspieler, für uns PC-Spieler ändert sich kurzfristig wenig.
Trotzdem ist der Schritt ein Alarmsignal für die Spieleerhaltung. Wenn Spiele nur noch als Download existieren, werden Archive, Museen und Bibliotheken vor ein massives Problem gestellt. Sony betreibt eigene Presswerke in Japan und den USA, die jährlich über 200 Millionen Discs ausstoßen. Der Verkauf physischer Spiele ist aber eingebrochen: 2023 lag der Anteil bei knapp 30 Prozent, 2015 waren es noch über 50 Prozent.
Die Video Game History Foundation schaltet sich ein
Frank Cifaldi, Leiter der Video Game History Foundation (VGHF), reagierte prompt. Statt sich allein auf Sony zu stürzen, zielt seine Kritik auf den gesamten Branchenverband Entertainment Software Association (ESA).
- Cifaldi fordert die ESA auf, „echte Lösungen“ für Archive und Museen bereitzustellen.
- Es geht um die legale Möglichkeit, digital-only Inhalte zu sichern und für die Nachwelt zu bewahren.
- Derzeit stoßen Erhaltungsprojekte immer wieder an urheberrechtliche Grenzen.
Die VGHF wurde 2017 von Cifaldi und anderen Veteranen gegründet. Sie betreibt ein digitales Archiv mit über 50.000 Spielen, darunter seltene Prototypen von NES-Titeln. Cifaldi war zuvor Redakteur bei Kotaku und autor von „The Ultimate History of Video Games, Vol. 2“. Die Stiftung arbeitet mit der Library of Congress zusammen.
Warum die ESA in der Pflicht steht
Die ESA vertritt die großen Publisher in den USA. Genau diese Firmen verdienen Milliarden mit digitalen Verkäufen, geben aber kaum rechtliche Mittel für die Langzeitarchivierung.
- Ohne Ausnahmeregelungen bleiben Museen auf Abhängigkeit von Firmengnaden angewiesen.
- Einmal vom Store genommene Spiele sind für die Öffentlichkeit oft für immer verloren.
- Die VGHF sieht hier strukturelle Versäumnisse, die durch Sonys Disc-Entscheidung noch drängender werden.
Die ESA vereint knapp 40 Mitglieder, darunter Sony, Microsoft, Nintendo, Electronic Arts und Activision Blizzard. 2023 setzten diese Firmen in den USA digital 52 Milliarden Dollar um, physische Spiele nur 4,8 Milliarden. Archivprojekte kollidieren mit den Lizenzmodellen der Publisher: Viele ältere Spiele enthalten Musik- oder Markenlizenzen, die nachträglich nicht mehr verlängert werden können.
Ein Hilferuf an die Industrie
Cifaldi betont: Es geht nicht um Piraterie, sondern um kulturelle Verantwortung. Konsolenhersteller wie Sony müssten endlich Werkzeuge schaffen, damit Institutionen digitale Spiele rechtssicher kopieren und aufbewahren können.
Ob die ESA darauf eingeht, bleibt offen. Bislang fehlt eine Reaktion des Verbands. Klar ist: Je länger gewartet wird, desto mehr Spiele verschwinden für immer, und das nicht nur auf PlayStation.
Bereits 2021 startete die VGHF eine Petition für ein Gesetz zur Spielerhaltung, die über 100.000 Unterschriften sammelte. Ein ähnlicher Vorstoß im US-Kongress scheiterte am Widerstand der Unterhaltungsindustrie. Die VGHF schätzt, dass über 70 Prozent aller Spiele vor 2000 heute nicht mehr legal erhältlich sind, jedes Jahr kommen rund 1000 Titel hinzu, die unwiederbringlich verloren gehen.
Branchenkontext: Was Microsoft und Nintendo tun
Microsoft hat mit der Xbox Series S bereits ein reines Digitalmodell eingeführt. Nintendo hält an Discs und Modulen fest, aber der eShop für den Wii U und den 3DS wurde 2023 geschlossen, mehrere hundert exklusive Titel sind seither nicht mehr käuflich. Sony selbst hat mit der PS3 Dutzende Spiele produziert, die nie auf Disc erschienen: „The Last Guy“ (2008), „Flower“ (2009) oder „Journey“ (2012) sind nur noch auf gebrauchten Konsolen spielbar. Anders als bei Filmen, deren physische Archive (Blu-ray) noch breit genutzt werden, fehlt der Spieleindustrie ein verbindliches Ablieferungssystem. In Großbritannien fordert das British Film Institute bereits seit Jahren gesetzliche Pflichtabgaben für digitale Spiele, ohne Erfolg.
Hintergrund: Verlorene Spiele und konkrete Zahlen
Die VGHF dokumentiert regelmäßig Fälle von verschwundenen Titeln. Das PS3-Exklusivspiel „Lair“ (2007) von Factor 5, bekannt für die Rogue-Squadron-Reihe, ist für die Nachwelt kaum rettbar, da der Quellcode 2019 bei einer Insolvenz vernichtet wurde. Ähnlich erging es „Xenoblade Chronicles X“ auf der Wii U, dessen Server 2022 abgeschaltet wurden; die Solo-Kampagne ist noch spielbar, aber die Multiplayer-Modi sind tot. Ein 2023 von der ESA in Auftrag gegebener Bericht gab an, dass vollständige Archivierung „technisch möglich, aber wirtschaftlich nicht zumutbar“ sei, eine Position, die Cifaldi als „Ausrede“ bezeichnet. Derzeit bewahrt die VGHF über 15.000 Spiele in proprietären Formaten (etwa reine Download-Titel) auf, ohne sie öffentlich zugänglich machen zu dürfen.