Schlechte Nachrichten aus der Halbleiterwelt
Die Elektronikindustrie lief bereits auf Zahnspitzen, als es um die Speicherbeschaffung für 2027 ging. Jetzt macht eine Prognose die Runde, die selbst erfahrene Hardware-Routiniers blass aussehen lässt. Der Marktforscher Yole Group veröffentlichte im April 2025 eine Analyse, die einen Angebotseinbruch von DRAM und NAND um bis zu 70% bis 2027 vorhersagt. Kein kurzer Engpass, sondern ein tiefer Fall ohne absehbares Ende.
Die Ursache: Die drei großen Hersteller, Samsung, SK Hynix und Micron, haben ihre Investitionen in neue Fertigungslinien (EUV-Lithografie für DRAM, 300+ Layer für NAND) zwischen 2023 und 2025 um rund 40% gekürzt. Grund waren Überkapazitäten und sinkende Preise in den Jahren zuvor. Jetzt fehlen die Fabriken, die 2027 hätten liefern sollen.
Was das für Gamer bedeutet
- Neue Konsolen: PlayStation 6 oder die nächste Xbox brauchen riesige Mengen an schnellem Speicher. Ein solcher Kollaps würde Release-Termine oder Stückzahlen direkt treffen. Sony verwendet in der PS5 Pro bereits GDDR6 mit 16 GB, die PS6 wird voraussichtlich auf GDDR7 mit 24 GB oder mehr setzen. Ein 70%-Angebotseinbruch könnte bedeuten, dass Sony nur 30% der geplanten Konsolen ausliefern kann.
- Grafikkarten: High-End-Modelle mit 24 GB VRAM und mehr werden noch teurer. Selbst Mittelklasse-Karten mit 12 GB könnten zur Mangelware werden. NVIDIA und AMD kaufen DRAM auf demselben Spotmarkt wie Konsolenhersteller, Preise für GDDR7 könnten auf das Doppelte des aktuellen Niveaus steigen.
- SSDs: Wer auf PCIe 5.0 oder demnächst PCIe 6.0 setzt, muss mit absurd hohen Preisen rechnen. NVMe-Laufwerke für Spielebibliotheken werden zum Luxusgut. Samsung und Western Digital meldeten für Q4 2024 bereits einen Anstieg der NAND-Preise um 15%, ein Vorgeschmack.
Erinnert ihr euch an 2021, als Grafikkarten nur noch über Börsenkurse gehandelt wurden? Damals war es eine generelle Chipknappheit. Diesmal ist es gezielter Speichermangel, und der betrifft alles, was Spiele lädt und rendert. Der Unterschied: 2021 lag die Knappheit an Fertigungskapazitäten bei TSMC und Samsung Foundry, 2027 betrifft es die Speicherzellen selbst.
Warum der Einbruch so brutal ist
Die Vorgeschichte: Hersteller hatten bereits vor Monaten gewarnt, dass Investitionen in neue Fabriken hinterherhinken. Jetzt fällt die nächste Produktionswelle aus. Micron kündigte im Februar 2025 an, sein neues DRAM-Werk in Idaho erst 2028 in Betrieb zu nehmen, ein Jahr später als geplant.
- Keine schnellen Ausweichmöglichkeiten: Speicherchips lassen sich nicht ad hoc aus anderen Fabriken holen. Die Lieferketten sind starr. Ein DRAM-Chip durchläuft rund 800 Prozessschritte; eine neue Fabrik kostet 15 bis 20 Milliarden Dollar und braucht drei bis vier Jahre Bauzeit.
- Konsolen als Kollateralschaden: Sony, Microsoft und Nintendo kaufen auf demselben Markt ein wie PC-Hersteller. Wenn das Angebot um 70% schrumpft, reicht es für alle zu wenig. Nintendo setzt bei der Switch 2 auf LPDDR5, der Preis für diesen Speicher stieg 2024 um 20%.
- „No end in sight“: Die Zusammenfassung der Analyse lässt keinen Raum für Optimismus. Eine Erholung ist nicht in Sicht. Die Yole Group prognostiziert eine Erholung frühestens 2029, wenn die neuen Fabriken dann tatsächlich laufen.
Historisch gab es ähnliche Krisen: 2018 ein NAND-Überangebot, 2021 die generelle Chipkrise. Die aktuelle Situation ist aber die erste, die ausschließlich auf mangelnde Investitionen in Speicher zurückgeht.
Ein Déjà-vu für Retro-Gamer
Wer die 1990er erlebt hat, kennt Speicherengpässe aus Cartridge-Zeiten, ROM-Masken waren teuer und knapp. Heute steckt der Engpass im DRAM und NAND, aber die Folge ist dieselbe: Spiele werden teurer oder erscheinen später. Nintendo musste 1996 für Super Mario 64 auf 8-MB-Cartridges setzen, weil größere Masken zu teuer waren. Heute braucht ein AAA-Titel wie Call of Duty: Black Ops 6 150 GB auf der SSD, das sind 150 Milliarden Bytes. Ein 70%-Angebotseinbruch bei NAND würde die Produktionskosten einer einzelnen SSD um 40 bis 60 Dollar erhöhen.
Zahlen aus der Branche: Samsung produziert derzeit rund 40% des weltweiten DRAMs. Würde dieser Anteil nur um 10% wegen fehlender Fabriken sinken, käme dies einem Gesamtverlust von 4% des Weltmarkts gleich. Der prognostizierte 70%-Einbruch ist also kein einzelner Hersteller, sondern ein systematischer Kollaps aller drei Player.
Es bleibt die Hoffnung, dass Hersteller ihre Lagerbestände besser managen als vor fünf Jahren. Ob das reicht, wird sich ab 2027 zeigen, und zwar auf dem Preisschild eurer nächsten SSD. Samsung meldete für Januar 2025 einen Lagerbestand von nur noch 6 Wochen bei DRAM, normal sind 10–12 Wochen.