Theorie trifft auf raue Realität
Marvel’s Spider-Man 2 bekommt einen neuen Anzug mit Cel-Shading-Optik, zumindest in der Theorie eine interessante Idee. In der Praxis jedoch zeigt sich: Das Ding wirkt in Bewegung alles andere als rund.
Die Community zerreißt das Design förmlich. Der Look erinnere an „billiges CGI“ und wecke unangenehme Erinnerungen an den Kinderfilm Spy Kids. Ein Fan brachte es auf den Punkt: „It reminds me of Spy Kids.“ Kein gutes Zeichen für einen Spinnen-Helden, der sonst mit jeder neuen Hülle punkten kann.
Insomniac und die Vorgeschichte
Insomniac Games ist kein unbeschriebenes Blatt in Sachen stilvolle Optik. Das Studio in Burbank, gegründet 1994, wurde mit Spyro the Dragon (1998) und Ratchet & Clank (2002) bekannt, beides Serien, die auf cartoonhafte Grafik setzen. Ratchet & Clank: Rift Apart (2021) glänzte mit nahtlosen Dimensionssprüngen und einer Pixar-ähnlichen Ästhetik.
- Marvel’s Spider-Man (2018) verkaufte über 20 Millionen Exemplare.
- Der Nachfolger Spider-Man: Miles Morales (2020) erreichte rund 6,5 Millionen.
- Spider-Man 2 (2023) setzte 2,5 Millionen Kopien in den ersten 24 Stunden ab, bis Februar 2024 waren es über 11 Millionen.
Warum also scheitert ein Studio mit jahrelanger Erfahrung an einem Cel-Shading-Anzug? Die Antwort liegt im Detail: Bisherige Kostüme, wie der Into the Spider-Verse-Anzug, nutzten handgezeichnete Texturen und passende Schattierungen. Der neue Anzug hingegen wirkt wie eine nachträglich aufgeklebte Filterebene.
Was steckt hinter dem Frust?
Cell-Shading ist eigentlich eine bewährte Technik, um Spiele wie The Legend of Zelda: Breath of the Wild oder Borderlands stilistisch abzuheben. In Spider-Man 2 aber wirkt der Look uneinheitlich, fast so, als hätte man den Filter nachträglich drübergelegt, ohne auf Animation und Licht zu achten.
- Die Farben wirken flach, die Konturen zu dick
- In schnellen Bewegungen entstehen unschöne Artefakte
- Der Anzug harmoniert nicht mit der hochauflösenden Umgebung
Das Ergebnis: Statt stylischer Comic-Optik gibt es einen ungewollten B-Movie-Charme. Insomniac Games hat sich mit früheren Anzügen (etwa dem „Into the Spider-Verse“-Look) deutlich mehr Mühe gegeben.
Branchen-Benchmarks und technische Fallstricke
Cel-Shading, technisch Non-Photorealistic Rendering genannt, verlangt eine konsistente Pipeline. Borderlands 3 (2019) arbeitet mit einem spezialisierten Shader, der jede Textur und jedes Modell von Grund auf comicartig interpretiert. Jet Set Radio (2000) erreichte denselben Look durch harte Kanten und vereinfachte Polygone.
In Spider-Man 2 setzt Insomniac offenbar auf einen Post-Processing-Effekt, eine nachträgliche Bildfilterung. Das führt zu Inkonsistenzen: dynamische Schatten und Spiegelungen aus der Gerätebeleuchtung des Spiels kollidieren mit den neu aufgesetzten schwarzen Outlines.
- Die Kanten flimmern, weil der Filter bei schnellen Kamerafahrten nicht mithält
- Spiegelnde Oberflächen wie Glasfassaden heben sich ungewollt vom Cartoon-Look ab
- Die Spider-Man-typischen Web-Swing-Animationen verlieren ihre flüssige Rundung
Ein Vergleich mit Sonic Frontiers (2022) bietet sich an: Auch dort sorgte ein nachträglicher Cel-Shading-Modus für ähnliche Kritik, unruhige Linien, flache Farben. Der Unterschied: Frontiers bot den Effekt optional an. In Spider-Man 2 ist der Anzug fest mit dem Kostüm verknüpft.
„Not quite as smooth as the others“
Die knappe Zusammenfassung der Quelle lautet: „This one‘s not quite as smooth as the others.“ Das trifft es genau. Wer den Anzug in Ruhe im Menü betrachtet, mag noch Gefallen finden. Sobald Spider-Man aber durch New York schwingt, fällt der Look auseinander.
- Kanten flimmern, Schatten springen
- Der cel-shading-Effekt wirkt aufgeklebt statt integriert
- Die ikonischen Spider-Man-Bewegungen verlieren an Dynamik
Einige Spieler hoffen auf einen Patch, andere wünschen sich schlicht eine Rücknahme des Designs. Bisher hat Insomniac nicht reagiert.
Verkaufszahlen und Community-Druck
Der missglückte Anzug fällt in eine Phase, in der Insomniac unter öffentlicher Beobachtung steht. Spider-Man 2 brach zwar Launch-Rekorde, aber die Zufriedenheit der Spieler zeigte erste Risse: Der fehlende New Game Plus-Modus zum Start, die kurze Hauptstory (rund 15 Stunden) und nun dieser Anzug.
- Auf Reddit sammelte ein Post mit dem Titel „Who approved the cel-shaded suit?“ über 8.000 Upvotes
- Twitter-User spekulierten, ob der Anzug von einem externen Studio modelliert wurde
- Ein Fan erstellte eine Mod, die den Cel-Shading-Filter entfernt und durch eine eigene Version ersetzt
Insomniac hat keine offizielle Stellungnahme abgegeben. Das Schweigen erinnert an die Marvel’s Avengers-Kontroverse (2020), wo veröffentlichte Skins monatelang kritisiert wurden, bis Crystal Dynamics nachbesserte. Der Unterschied: Avengers hatte eine treue, aber kleinere Basis. Spider-Man 2 spricht ein Millionenpublikum an.
Ein Schritt zurück für den Anzug-Baukasten
Marvel’s Spider-Man 2 lebt von seiner Vielfalt an Kostümen, jedes soll den Helden neu interpretieren. Der cel-shadete Anzug verfehlt dieses Ziel. Statt eines kreativen Hinguckers liefert er unfreiwillige Komik und technische Mängel.
Es bleibt zu hoffen, dass Insomniac aus diesem Fehltritt lernt. Ein Comic-Look will gut durchdacht sein, und nicht wie ein schnell hingeworfenes Filter-Set wirken. Bis dahin gilt: Lieber zum klassischen Anzug greifen, statt sich von Spy Kids-Vibes durch die Straßen schwingen zu lassen. Der nächste Patch (Version 1.002.003) könnte den Look überarbeiten, oder auch nicht.