Die These: Keine Müdigkeit, sondern schlechte Filme
Seit der Pandemie wird der Rückgang der Superhelden-Filme oft mit „Superhero fatigue“ erklärt. Ein aktueller Artikel auf Polygon.com widerspricht dieser These entschieden: Es gebe gar keine Ermüdung durch das Genre, die Leute seien einfach nur genervt von schlechten Filmen.
Die Argumentation ist simpel: Früher funktionierten Marvel-Filme, weil sie gute Geschichten und Charaktere boten. Heute wirken viele Produktionen lieblos, überladen oder austauschbar. Das Publikum bleibt nicht aus Überdruss fern, sondern weil die Qualität nicht mehr stimmt.
Studio-Historie der Marvel-Spiele: Wer liefert was?
Die Spieleabteilung von Marvel lizenziert an verschiedene Entwicklerstudios. Insomniac Games (vorher bekannt für Spyro the Dragon und Ratchet & Clank) sicherte sich 2014 die Rechte an Spider-Man. Ihr Open-World-Titel von 2018 verkaufte sich über 20 Millionen Mal, einer der erfolgreichsten PlayStation-Exklusivtitel. Marvel’s Spider-Man 2 (2023) folgte mit 11 Millionen Exemplaren in drei Monaten.
Crystal Dynamics, das Studio hinter der Tomb Raider-Reboot-Trilogie, entwickelte Marvel’s Avengers (2020). Der Titel litt unter technischen Problemen, einem unfokussierten Live-Service-Modell und einer enttäuschenden Kampagne. Square Enix meldete im ersten Jahr rund 3 Millionen Verkäufe, weit unter den Erwartungen. Das Spiel wurde 2023 endgültig eingestellt.
Eidos-Montréal, bekannt für Deus Ex: Human Revolution, übernahm Marvel’s Guardians of the Galaxy (2021). Der Titel erhielt gute Kritiken für Dialoge und Charakterzeichnung, verkaufte sich aber nur rund 2 Millionen Mal. Firaxis, die XCOM-Schmiede, lieferte Marvel’s Midnight Suns (2022). Das taktische RPG polarisierte: Die Kämpfe überzeugten, die soziale Hub-Welt wirkte aufgebläht. Auch hier blieben die Verkaufszahlen hinter den Erwartungen (ca. 1,5 Millionen).
Was bedeutet das für Videospiele?
Diese Debatte ist auch für die Spielebranche relevant. Marvel hat in den letzten Jahren zahlreiche Lizenzspiele veröffentlicht, mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Während Titel wie Marvel’s Spider-Man (2018) oder Marvel’s Guardians of the Galaxy (2021) gefeiert wurden, gab es auch Enttäuschungen.
- Marvel’s Avengers (2020) kämpfte von Anfang an mit technischen Problemen und uninspiriertem Gameplay.
- Marvel’s Midnight Suns (2022) polarisierte trotz interessanter taktischer Ideen.
- Aktuelle Projekte wie Marvel 1943: Rise of Hydra (von Skydance New Media, Amy Hennigs Studio) sind noch nicht erschienen, die Hoffnung ruht auf wenigen Titeln.
Auch hier stellt sich die Frage: Ist es wirklich Superhelden-Müdigkeit, wenn ein Spiel floppt? Oder liegt es an der Umsetzung? Spieler greifen zu guten Titeln, unabhängig vom Franchise. Ein Marvel’s Spider-Man 2 (2023) verkaufte sich blendend, während schwächere Spiele ignoriert werden.
Branchenkontext: Lizenzspiele zwischen Hype und Flop
Der Polygon-Artikel verweist auf eine Parallele zur Filmbranche: Marvels Phase 4 (2021–2022) brachte mit Eternals (Rotten Tomatoes: 47%) und Thor: Love and Thunder (63%) die schwächsten Bewertungen seit Jahren. Gleichzeitig erzielte Spider-Man: No Way Home (93%) Rekordumsätze. Die Qualitätsspanne ist enorm.
Im Spielebereich zeigt sich ein ähnliches Muster. Star Wars Jedi: Fallen Order (2019, Respawn Entertainment) verkaufte über 10 Millionen Exemplare, während Star Wars Battlefront II (2017) nach Lootbox-Kontroversen einbrach. Der Unterschied: Durchdachte Single-Player-Kampagnen gegen lieblose Service-Spiele. Marvels Avengers war der Battlefront-Moment des Franchise. Marvel’s Spider-Man hingegen der Jedi-Fallen-Order-Moment.
Der Kern des Problems: Aus Liebe zu Marken wird lieblose Massenware
Der Polygon-Artikel macht klar, dass nicht das Genre an sich übersättigt ist, sondern die schlechte Ausführung. Das gilt für Filme wie für Spiele. Studios sollten lieber in durchdachte Projekte investieren, als jede IP mit mittelmäßigen Titeln zu überfluten.
- Qualität vor Quantität, das wäre die einfache Lehre.
- Fans wünschen sich lieber ein gutes Spiel pro Jahr als drei enttäuschende.
Ob Marvel diese Lektion verinnerlicht hat, bleibt abzuwarten. Aber das Argument, dass Müdigkeit ein vorgeschobener Grund ist, hat Hand und Fuß.
Beobachtung statt Ausblick
Das Publikum unterscheidet sehr wohl zwischen guter und schlechter Unterhaltung, daran hat auch die Marke Marvel nichts geändert. Wer gute Spiele wie Marvel’s Spider-Man liefert, wird nicht mit „Fatigue“ bestraft. Wer aber lieblos produziert, darf sich nicht wundern, wenn niemand kommt. Die Verkaufszahlen von Spider-Man 2 (11 Millionen in drei Monaten) sprechen eine deutlichere Sprache als jede Umfrage.