Westeros am Scheideweg
Telltales Game of Thrones erschien 2014 als episodisches Adventure. Entwickelt wurde es von Telltale Games, einem Studio, das zuvor mit The Walking Dead (2012) einen Überraschungserfolg landete. Das Spiel ist kein weiteres Lizenzprodukt: Polygon nennt es den einzigen Titel, der die emotionale Wucht der HBO-Serie transportiert.
Telltale Games wurde 2004 gegründet und spezialisierte sich auf Point-and-Click-Adventures. Vor Game of Thrones brachten sie Jurassic Park: The Game (2011) und The Wolf Among Us (2013) heraus. Die Engine war die hauseigene Telltale Tool, die für narrative Spiele optimiert war, aber auch technische Grenzen setzte.
Passend zu House of the Dragon
Wer aktuell in die Welt von Westeros eintauchen will, findet in diesem Choice-basierten Adventure ein düsteres Pendant. Die Serie spielt zwar Jahrhunderte früher, doch die Themen, Macht, Verrat, Familie, sind identisch. House of the Dragon startete 2022, das Spiel ist also acht Jahre älter.
Der Branchenkontext war ein anderer: 2014 erlebten episodische Spiele einen Boom. Telltale hatte das Format mit The Walking Dead popularisiert. Konkurrenten wie Life is Strange (Dontnod) folgten 2015. Game of Thrones erschien parallel zur fünften Staffel der HBO-Serie und profitierte von der hohen Aufmerksamkeit.
Was das Spiel besonders macht
- Episodische Erzählstruktur: Fünf Kapitel, die an die Serien-Dramaturgie erinnern. Die erste Episode erschien am 2. Dezember 2014, die letzte am 17. November 2015.
- Echte Konsequenzen: Jede Entscheidung fühlt sich schwer an, niemand ist sicher, auch Hauptfiguren nicht. Beispiel: Eine Figur kann bereits in Episode 2 sterben, egal wie der Spieler handelt.
- Originalstimmen: Viele Synchronsprecher aus der Serie leihen den Figuren ihre Stimme. Lena Headey als Cersei, Peter Dinklage als Tyrion und Iwan Rheon als Ramsay Bolton sind dabei.
Das Spiel verkaufte sich laut Branchenschätzungen rund 1,5 Millionen Mal. Auf Metacritic erreichte es Werte zwischen 70 und 75 (je nach Plattform), solide, aber unter dem Niveau von The Walking Dead (80+).
Kein Allerwelts-Adventure
Telltale setzt auf moralische Dilemmata statt einfache Heldengeschichten. Die Familie Forrester kämpft ums Überleben, und der Spieler wählt oft zwischen Pest und Cholera. Die Forresters stammen aus den Büchern, sie werden in The Winds of Winter erwähnt, aber nie ausgearbeitet.
Das Studio selbst geriet später in finanzielle Schieflage. 2018 wurde Telltale geschlossen, nachdem The Walking Dead: The Final Season fast eingestellt worden wäre. 2019 kaufte ein Investor die Marke, ein neues Studio namens Telltale Games 2.0 entstand. Game of Thrones blieb jedoch ohne Fortsetzung.
Ein Stück Serien-Geschichte
Das Spiel erschien parallel zur fünften Staffel und nutzt deren Handlung als Rahmen. Wer House of the Dragon schaut, erkennt die gleiche Lust an politischen Intrigen und blutigen Wendungen. Die Handlung spielt am Königshof, in der Schwarzwasserbucht und in der Nord.
Das Skript schrieb Meghan Thornton, die zuvor für Telltales Tales from the Borderlands gearbeitet hatte. George R.R. Martin selbst war nicht direkt beteiligt, genehmigte aber das Setting. So brutal und unberechenbar wie die Vorlage war lange kein anderes Spiel, das letzte Kapitel endet mit einem Cliffhanger, der nie aufgelöst wurde.