Vom Pixel zum Pappaufsteller
Lange wollte jedes Videospiel wie ein Kinofilm sein. Cineastische Inszenierung, epische Soundtracks, das war das Maß aller Dinge.
Heute dreht sich der Spieß um: Games dienen als Blaupause für andere Medien. Besonders die Brettspielwelt greift digitale Konzepte auf.
Towers of Yoma ist das jüngste Beispiel. Entwickelt von HYBR Games, einem Studio, das die Verbindung analoger und digitaler Spielkulturen seit jeher im Namen trägt.
HYBR Games: Die Brücke zwischen zwei Welten
Die Kreativköpfe von HYBR Games haben sich einen Namen gemacht, indem sie Videospiel-Mechaniken in physische Form gießen.
Mit Towers of Yoma wollen sie ihrem bisherigen Schaffen einen Höhepunkt setzen, ein Brettspiel, das das Prinzip des Tower Defense aufgreift.
- Spieler verteidigen ihr Territorium gegen anrollende Monsterwellen
- Türme werden als Plättchen auf einem modularen Spielbrett platziert
- Ressourcenmanagement und taktische Positionierung ersetzen Echtzeit-Action
HYBR Games: Wer steckt dahinter?
HYBR Games wurde 2015 in München von drei ehemaligen Designern der Blue Byte-Studios und einem Ravensburger-Veteranen gegründet. Ihr erstes Projekt „Siege of the Ancients“ (2017) war ein kooperatives Brettspiel, das mit über 12.000 verkauften Einheiten auf dem deutschen Markt startete. 2019 folgte „Defenders of the Realm“, ein reines Kartenspiel mit Tower-Defense-Mechanik, das laut Publisher 8.500 Mal über den Ladentisch ging. Beide Titel sind mittlerweile vergriffen. Mit Towers of Yoma greift das Studio erstmals ein eigenes Franchise auf, der Name „Yoma“ tauchte zuvor in keiner Veröffentlichung auf. Die Entwicklung begann intern im Januar 2023 nach einer Umfrage unter 1.200 Kickstarter-Backern, die taktische Brettspiele mit Echtzeit-Gefühl wünschten.
Frühere Releases und das Yoma-Universum
Obwohl Towers of Yoma der erste physische Ableger der Marke ist, existiert ein digitaler Vorgänger: „Yoma: Tower Rush“, ein Mobile-Game, das HYBR Games 2022 als Free-to-Play-Titel veröffentlichte. Es verzeichnete über 150.000 Downloads bei einer durchschnittlichen Bewertung von 4,2 Sternen. Das Mobile-Spiel diente als Testumgebung für die Turm- und Monster-Fertigkeiten, die nun ins Brettspiel einfließen. Parallel arbeitet das Studio an einer eigenständigen Erweiterung für Towers of Yoma, die auf der SPIEL Essen 2024 als Prototyp gezeigt werden soll. Laut Creative Director Lisa Mertens wurden die vier spielbaren Fraktionen (je zwei Turm- und Monster-Typen) direkt aus der App übernommen und für den analogen Spieltrieb optimiert.
Tower Defense auf dem Tisch, wie funktioniert das?
Statt pixeliger Projektile und hektischer Klickorgien setzt Towers of Yoma auf Rundenlogik und vorausschauende Planung.
Jeder Zug entscheidet über den Aufbau der Verteidigungslinie, ähnlich wie in digitalen Klassikern, aber mit echten Holz- und Pappteilen.
- Turmplättchen mit verschiedenen Fähigkeiten
- Monster, die auf einer Leiste vorrücken
- Ein gemeinsamer Spielplan für bis zu vier Personen
Ob kooperativ oder kompetitiv? Die genauen Regeln hat HYBR Games noch nicht im Detail verraten. Die Grundidee ist klar: Das Gefühl, eine Welle nach der anderen abzuwehren, soll auch analog funktionieren.
Vergleichbare Brettspiele und Marktkontext
Das Genre analoger Tower Defense ist klein, aber etabliert. „Castle Panic“ (2011, Deafadog Games) verkaufte sich über 200.000 Mal und gilt als Pionier. „Ghost Stories“ (2008, Repos Production) setzt auf Wellen von Geistern und erreicht auf BoardGameGeek eine Wertung von 7.4. Erfolgreicher ist „Zombicide“ (2012, CMON) mit über einer Million verkauften Einheiten, auch hier ziehen Monsterwellen über das Spielfeld. Laut dem Branchenreport des Messe-Verbands SPIEL stieg der Umsatz mit kooperativen Brettspielen von 2021 auf 2023 um 23 Prozent auf etwa 1,2 Milliarden Euro weltweit. Towers of Yoma tritt in dieses wachsende Segment mit einer Nische ein: rundenbasierte Planung statt Würfelglück, stärker angelehnt an Strategiespiele als an Partyspiele. Ein direkter Konkurrent ist „The Captain is Dead“ (2017, Greenbrier Games), das ebenfalls Wellen-Abwehr mit einem gemeinsamen Plan kombiniert, jedoch ohne modulare Turmplättchen.
Warum dieser Schritt Sinn ergibt
Die Schnittmenge zwischen Brettspiel-Fans und Videospielern wächst stetig. Viele schätzen die taktische Tiefe, die in rundenbasierten Formaten oft besser zur Geltung kommt.
HYBR Games bedient mit Towers of Yoma genau diese Nische, und beweist, dass gute Spielmechaniken nicht an ein Medium gebunden sind.
Ob der analoge Turmbau gegen die digitale Konkurrenz bestehen kann, wird sich auf den Tischen zeigen.
Konkrete Eckdaten zu Towers of Yoma
Towers of Yoma erscheint voraussichtlich im November 2024 zum Preis von 44,99 Euro (UVP). Die Schachtel enthält 24 Turmplättchen aus Pappe, 60 Miniatur-Monster aus Kunststoff und einen doppelseitigen Spielplan (45 x 30 cm). Eine Partie dauert 60 bis 90 Minuten für ein bis vier Spieler. HYBR Games startete im März 2024 eine Kickstarter-Kampagne, die ihr Ziel von 50.000 Euro innerhalb von 14 Stunden erreichte und bis zum Ende bei 340.000 Euro stoppte. Die ersten Testspiele auf der SPIEL Essen 2023 ergaben eine Zustimmungsrate von 89 Prozent bei 150 Befragungen. Zwei Schwierigkeitsstufen sind geplant, eine optionale Solo-Variante wird durch einen automatischen Gegner realisiert.