Ein LCD im Gewand einer Röhre
Wer klassische Konsolen liebt, schwört auf CRT-Monitore: null Eingabeverzögerung, variable Bildwiederholraten und die beste Bildqualität für Pixel-Art. Viele Spiele wurden für die Eigenheiten dieser Röhren entwickelt, Farben und Transparenzen wirken nur dort authentisch. Doch CRTs werden seit Jahren nicht mehr produziert, der Bestand schrumpft stetig, und gebrauchte Geräte sind oft teuer oder in schlechtem Zustand.
Der Hersteller Unico, bekannt für LCD-Ersatzbildschirme in Arcade-Automaten, will diese Lücke mit dem Traveller ULW10 schließen. Das Gerät ist ein 10,4-Zoll-LCD-Monitor, der in das Gehäuse einer Sony-PVM gerendert wurde: komplett mit Drehreglern für Lautstärke und Farbe, hellgrauer Optik und einer rückseitigen Klappe, in der sich die Spielkonsole verstauen lässt. Dazu gibt es eine Kickstarter-Kampagne für Vorbestellungen. Ein Redakteur von EndeNews.de hatte Gelegenheit, ein Vorproduktionsmodell zu testen, und das Ergebnis ist ernüchternd.
Die Eingänge: Ein Missverständnis mit Ansage
Das I/O-Panel des Traveller ULW10 bietet drei Anschlüsse: HDMI, VGA und RGBS. Composite, Component oder S-Video sucht man vergebens. Gerade in Nordamerika, wo RGBS kaum verbreitet war und die meisten Konsolen über Composite oder Component liefen, dürfte das für Verwirrung sorgen. Selbst wer SCART-Kabel besitzt, wie viele Retro-Enthusiasten in Europa, muss zusätzlich Adapter kaufen, denn die Anschlüsse sind nicht kompatibel.
Auf Nachfrage erklärte Unico-Sprecher David McIntosh, dass Composite in zukünftigen Modellen unterstützt werde, aber für die aktuelle Version nicht realisierbar sei. Das ist ein schwerwiegender Fehler in der Zielgruppenanalyse. Nur Hardcore-Sammler, die ohnehin auf hochwertige RGB-Signale setzen, werden diese Anschlussart bedienen können. Ein Gelegenheitsspieler, der einfach seine PS2 anschließen will, steht vor einem Rätsel, wenn seine vorhandenen Kabel nicht passen.
Die Bildqualität: Grau statt Röhren-Glanz
Der Bildschirm selbst ist ein handelsübliches LCD-Panel. Der Tester beschreibt die Darstellung als „in Ordnung”, aber unspektakulär. Spiele sehen aus wie auf einem hochskalierten LCD-Monitor: scharf, aber ohne den charakteristischen Look, den Röhren erzeugen. Genau dort liegt das Kernproblem. Der Traveller wird bewusst mit einem CRT verglichen, doch die Bildtechnik kann nicht mithalten. Weder profitiert er von den Vorteilen einer Röhre noch von den Stärken moderner Displays wie hoher Kontrast oder perfekte Blickwinkel.
Hinzu kommt: Es gibt keinerlei Scanline-Shader oder andere Nachbearbeitungseffekte. Der Traveller zeigt das Bild roh und ungefiltert. Dabei wäre genau das die Chance gewesen, den LCD-Bildschirm optisch an eine CRT anzunähern. Hersteller wie RetroTINK oder das Pixel-FX-Morph bieten auf ihren Geräten zahlreiche Filter, die Scanlines, Krümmung und Farbverhalten simulieren können. Der Traveller lässt diese Option ungenutzt, wodurch der nostalgische Look des Gehäuses schnell verfliegt, sobald der Bildschirm eingeschaltet wird.
Konkurrenz aus der Scaler-Ecke
Wer auf ernsthafte Retro-Optik Wert legt, ist mit einem RetroTINK 5X oder einem Pixel FX Morph besser beraten. Diese Geräte akzeptieren mehr Eingangsformate (darunter Composite und Component), bieten umfangreiche Filteroptionen und lassen sich an jeden modernen Fernseher anschließen. Sie kosten zwar ähnlich viel wie der Traveller, liefern aber ein deutlich flexibleres Ergebnis. Der Traveller ist hingegen auf seinen eingebauten 10,4-Zoll-Bildschirm beschränkt, was ihn für den Einsatz am Schreibtisch oder im Wohnzimmer weniger attraktiv macht.
Unico selbst sieht das Produkt offenbar eher als „tech art piece” denn als ernsthaftes Spielgerät. Das Handbuch beschreibt den Monitor als Kunstobjekt für das Regal. Wer also tatsächlich damit spielen möchte, wird enttäuscht. Wer nur das Aussehen eines PVM auf einem Sideboard mag, bekommt ein charmantes Deko-Objekt. Die Zielgruppe, die sich beides wünscht, bleibt außen vor. Das Konzept eines All-in-One-Monitors für Retro-Konsolen ist keine neue Idee, aber die Umsetzung hapert an den Details.
Ein fehlendes Stück vom Kuchen
Der Traveller ULW10 zeigt exemplarisch die Schwierigkeiten des Retro-Marktes. Einerseits gibt es eine wachsende Nachfrage nach authentischen Spielerlebnissen ohne Röhren-Hürden. Andererseits erwarten die Nutzer Kompromisslosigkeit bei der Signalqualität und den Anschlüssen. Unico hätte mit Composite-Support und eingebauten CRT-Filtern die Lücke füllen können. So bleibt das Gerät eine verpasste Chance, die weder Einsteiger noch Enthusiasten zufriedenstellt.
Der Test zeigt, dass ein schicker Retro-Look allein nicht ausreicht. Die Technik muss dem Anspruch folgen, den das Äußere verspricht. Bis Unico nachbessert, greifen Retro-Fans besser zu bewährten Scalern und einem normalen LCD. Der Traveller bleibt ein Blickfang, aber kein Spielgerät. In einer Welt ohne neue CRTs wird es nach diesem Debakel noch dauern, bis ein würdiger Nachfolger erscheint.