Abschied von einem Geheimtipp
Under the Silver Lake, eine satirische Liebeserklärung an die Paranoia, wird am 30. Juni 2026 aus dem Netflix-Katalog gestrichen. Der Film von David Robert Mitchell („It Follows“) ist mehr als nur ein weiterer Neo-Noir-Krimi. Er ist eine bewusste Veräppelung unserer Obsession, überall Muster und versteckte Botschaften zu suchen.
Polygon nennt ihn eine „clevere Subversion des Verschwörungsthriller-Genres“. Und wer schon einmal stundenlang in einem Retro-Adventure Pixel angeklickt hat, wird sofort verstehen, warum.
Hintergrund der Produktion
David Robert Mitchell drehte den Film nach dem Durchbruch mit „It Follows“ (Budget 2 Millionen Dollar, Einspielergebnis 20 Millionen). Für „Under the Silver Lake“ bekam er 8,5 Millionen Dollar von der Produktionsfirma Pastel Productions, die Mitchell gemeinsam mit Rebecca Green gründete. Pastel hatte zuvor „It Follows“ und „The Myth of the American Sleepover“ (2010) finanziert.
Der Film feierte Premiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2018, ein seltener Schritt für einen satirischen Neo-Noir. Die Reaktionen waren gespalten: Die Kritiker von Variety lobten die „unverschämte Struktur“, während The Guardian ihn als „überladen“ bezeichnete. Die Kinovermarktung bewarb den Film als konventionellen Thriller, was das Publikum in die Irre führte.
Warum der Film für Gamer ein Muss ist
- Der Protagonist Sam (Andrew Garfield) jagt quer durch Los Angeles Hinweisen nach, eine Mischung aus geheimer Hundefutter-Werbung, Hieroglyphen auf einer Bierdose und einer verschwundenen Nachbarin.
- Die Handlung befeuert unser zwanghaftes Puzzle-Lösen und macht sich gleichzeitig darüber lustig: Jede Entdeckung führt tiefer in ein Kaninchenloch, das sich am Ende als absurde Sackgasse entpuppt.
- Das erinnert stark an die archaischen Knobelspiele der 80er und 90er, etwa „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ oder „Myst“, bei denen man ohne Guide nicht wusste, ob eine Kaffeetasse Teil eines Rätsels oder bloß Dekoration war.
Der Film fragt: Was, wenn das große Geheimnis nur eine große Leere ist? Und wir trotzdem weitermachen, weil uns die Jagd selbst süchtig macht.
Vergleich zu Mitchells Filmografie
Mitchells vorheriger Film „It Follows“ war ein minimalistischer Horror über eine unsichtbare Bedrohung. „Under the Silver Lake“ dreht das Konzept um: Statt einer klaren Regel gibt es nur diffuse Zeichen. Die Paranoia wird nicht von einer übernatürlichen Kraft, sondern von der Umgebung Los Angeles’ ausgelöst. Mitchell selbst sagte in einem Interview mit Filmmaker Magazine, er habe „die Stadt als ein einziges, unlesbares Rätsel“ inszeniert.
Der Soundtrack stammt von Disasterpeace (Rich Vreeland), der zuvor für die Spiele „Hyper Light Drifter“ und „Feez“ komponierte. Vreeland mischte Synthesizer-Klänge der 80er mit orchestralen Elementen, eine direkte Referenz an retro-futuristische Soundtracks aus LucasArts-Adventures.
Ein Spiegel für Retro-Enthusiasten
- Wer heute in einem Point-and-Click-Klassiker steckt, kennt das Gefühl: Man klickt jeden Screenshot pixelgenau ab, kombiniert sinnlose Gegenstände und hofft auf einen Auslöser.
- Under the Silver Lake übersetzt diesen Spieltrieb in ein filmisches Erlebnis. Sogar ein Game-Zitat taucht auf: Sam spielt kurz Super Mario Bros. 2, ein subtiler Wink an die Gamer-Community.
- Der Soundtrack (u.a. Danger Mouse) unterstreicht die schräge Atmosphäre, die zwischen Tiefsinn und Trash balanciert.
Box Office und Streaming-Statistik
Trotz positiver Kritiken (72 Prozent auf Rotten Tomatoes) spielte der Film weltweit nur 2,1 Millionen Dollar ein, ein kräftiger Verlust. Die limitierte Kinostartzahl (weniger als 100 Leinwände in den USA) und der verwirrende Trailer schreckten das Mainstream-Publikum ab. Auf DVD und bei Streaming-Diensten blühte der Film als Kult-Objekt auf: Ein Reddit-Thread unter r/underthesilverlake sammelte über 600 Posts, in denen Fans versteckte Codes wie etwa die Morsezeichen in der Werbung für „Hundefutter mit Geheimzutat“ entschlüsselten.
Netflix erwarb die US-Streaming-Rechte im September 2019. Die Lizenzkosten wurden nie veröffentlicht, Branchenquellen schätzen sie auf 300.000 bis 500.000 Dollar pro Jahr. Die Nichtverlängerung nach sieben Jahren deutet auf eine geringe Abrufzahl hin, im Vergleich zu „It Follows“, das noch 2024 auf Netflix in den Top 10 stand.
Der Countdown läuft
Netflix entfernt den Film am 30. Juni 2026. Das ist heute. Wer ihn also noch nicht gesehen hat, sollte keine Zeit mit Nachdenken verbringen, einfach Play drücken. Denn anders als in den Spielen, die er parodiert, gibt es hier kein zweites Leben.