Weniger Liga, mehr offene Wege
Riot Games hat das Format für die Valorant Champions Tour 2027 offiziell vorgestellt. Das größte Jahr der VCT bekommt ein neues Grundgerüst: Statt starrer Ligen dominieren künftig Open Qualifiers und Cups den Kalender.
Das alte System mit festen Partnerteams und langen Saisons gehört der Vergangenheit an. Der Schwenk hin zu offenen Ausscheidungen soll den Wettbewerb durchlässiger machen.
Seit dem Start der VCT 2021 setzte Riot auf ein gemischtes Modell: geschlossene Ligen in Nordamerika, Europa und Brasilien, ergänzt durch regionale Challengers-Turniere. 2023 führte das Unternehmen ein volles Franchise-System mit 30 Partnerteams in drei internationalen Ligen ein. Die Kosten für einen Platz lagen Schätzungen zufolge im zweistelligen Millionenbereich, Geld, das sich manche Organisationen nicht leisten konnten. Das neue Format beendet diese Exklusivität.
Open Qualifiers: So funktioniert der Einstieg
Jeder kann sich ab 2027 für die VCT-Cups qualifizieren. Die Open Qualifiers sind regionale Online-Turniere, die an festen Terminen stattfinden.
- Teilnahme ist kostenlos und für jedes Team ohne vorherige Platzierung möglich.
- Die besten Teams jeder Qualifier-Runde steigen in den Cup auf.
- Es gibt mehrere Qualifier-Fenster pro Saison, verpasste Chancen kommen wieder.
Einzige Voraussetzung: ein vollständiges Team mit fünf Spielern und gültigen Riot-Konten.
Riot Games hat Erfahrung mit offenen Systemen: In League of Legends nutzt der Publisher seit Jahren Open Qualifier für die Worlds-Qualifikation in den kleineren Regionen. In Valorant selbst liefen 2024 und 2025 bereits Pilotphasen mit offenen Ausscheidungen für die Challengers League, laut Riot nahmen in der Region EMEA über 3.000 Teams pro Saison teil. Die Umstellung auf ein vollständig offenes Modell ist der logische nächste Schritt, nicht eine plötzliche Kehrtwende.
Die Cups: Kürzer, knackiger, direkter
Aus den Qualifikanten spielen 16 bis 32 Teams in den Cups um Punkte und Preisgeld. Ein Cup dauert ein Wochenende, von der Gruppenphase bis zum Finale.
- Jeder Cup generiert Championship Points für das Jahresende.
- Die Punkte summieren sich über alle Cups hinweg.
- Die besten Punktesammler qualifizieren sich für die VCT Masters und Champions.
Riot verspricht mindestens vier Cups pro Region im Jahr 2027.
Das Punktesystem ähnelt dem Modell der Dota Pro Circuit (2017–2023), bei dem offene Turniere mit Punkteschlüssel zu The International führten. Dort sammelten Teams aus 12 bis 16 Majors Punkte, die besten acht erhielten eine Einladung. In Valorant werden es 2027 voraussichtlich nur vier bis sechs Cups pro Region sein, dafür mit höherem Gewicht für die letzten Events. Die genaue Punktverteilung soll im Januar 2027 veröffentlicht werden.
Was das für die Szene bedeutet
Das alte Franchise-Modell wird aufgeweicht. Teams ohne Dauerplatz bekommen reelle Chancen auf die große Bühne.
- Keine festen Partner mehr, alle Plätze werden jährlich neu vergeben.
- Mehr Turniere bedeuten mehr Wettkampf für Semiprofis.
- Die Organisationen müssen sich jedes Jahr neu beweisen.
Der Weg zu Champions 2027 führt erstmals durch ein offenes Raster aus Qualifikation und K.o.-Turnieren. Die Ära der geschlossenen Ligen im VCT endet damit endgültig.
Für die 30 bisherigen Franchise-Teams, darunter Sentinels, Fnatic und DRX, bedeutet das einen radikalen Strategiewechsel. Ihre gesicherten Einnahmen aus der Liga fallen weg. Einige Organisationen haben bereits angekündigt, ihre Valorant-Abteilungen zu verkleinern; andere, wie Cloud9, sehen das neue System als Chance, mit Talentschmieden zu punkten. Riot selbst argumentiert, dass offene Qualifier den Wettbewerb aufwerten, Belege aus anderen Titeln wie Counter-Strike (ESL Pro Tour mit offenen Vorqualifikationen) zeigen, dass etablierte Teams dennoch dominieren können, wenn sie sich anpassen.
Hintergrund: Riot Games und die Evolution der VCT
Riot Games wurde 2006 von Brandon Beck und Marc Merrill in Los Angeles gegründet. Der erste Titel League of Legends (2009) etablierte das Free-to-Play-Modell mit Mikrotransaktionen und einer der ersten globalen Esports-Ligen. Valorant erschien im Juni 2020 als taktischer Shooter mit Helden-Fähigkeiten, eine Mischung aus Counter-Strike und Overwatch.
Bis 2026 verzeichnete Valorant über 25 Millionen monatliche Spieler. Die VCT 2021 startete mit einem Preisgeld von 1,5 Millionen US-Dollar. Champions 2023 verteilte 1 Million US-Dollar, das Finale erreichte 1,6 Millionen gleichzeitige Zuschauer auf Twitch. Der Wechsel zum offenen System ist auch eine Reaktion auf sinkende Zuschauerzahlen in den Ligen 2025, die regionale Liga in Nordamerika verlor im Vergleich zu 2023 etwa 30 Prozent der durchschnittlichen Zuschauer.
Vergleich mit anderen Esports-Ökosystemen
Offene Qualifier sind kein Neuland. Dota 2 setzt seit The International 2013 auf Open Qualifier, 2023 kämpften 1.024 Teams um einen von zwei Plätzen im Hauptevent. Counter-Strike 2 nutzt über die ESL Pro Tour ein gemischtes System mit offenen Online-Qualifikationen und geschlossenen Ligen für Top-16-Teams. Der Unterschied: Valorant geht komplett ohne geschlossene Liga. Das birgt Risiken: ohne feste Einsätze könnten große Sponsoren abspringen, die sich langfristige Partnerschaften wünschen.
Die Overwatch League scheiterte 2023 an ihrem exklusiven Franchise-Modell, 20 Teams zahlten bis zu 20 Millionen Dollar Eintrittsgebühren. Riot zog daraus offenbar Lehren. Das neue VCT-Format kostet Riot weniger Verwaltung, verlagert die Verantwortung für Kaderstabilität auf die Teams. Ob es langfristig funktioniert, hängt davon ab, ob genug Turniere gespielt werden, um eine Saison zu füllen, mindestens sechs Cups pro Region wären laut Analysten nötig, um genug Punkte für eine fairere Rangliste zu generieren. Riot nennt vier als Minimum.