Ein Blick zurück auf die Skandalliste
GIGA listete 21 Games auf, die weltweit Verbote oder Kontroversen auslösten. Viele dieser Titel stammen von Studios, die vor ihren Skandalen völlig andere Spiele entwickelt hatten. Midway zum Beispiel brachte vor Mortal Kombat Arcade-Klassiker wie Spy Hunter (1983) und Rampage (1986) heraus, harmlose Unterhaltung ohne Blut. Erst das 1992er Prügelspiel von Ed Boon und John Tobias führte in den USA zur Gründung der ESRB (Entertainment Software Rating Board), nachdem Politiker die ungekennzeichnete Gewalt anprangerten. In Deutschland landete Mortal Kombat auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, eine Sperre, die erst 2015 aufgehoben wurde.
Westwood Studios hatte mit Dune II (1992) das Echtzeitstrategie-Genre definiert, bevor sie 1995 Command & Conquer veröffentlichten. Die Rennspiele und Adventures des Studios interessierten niemanden mehr, der Titel schaffte es in Deutschland wegen angeblicher Kriegsverherrlichung auf den Index. Der Hersteller Virgin Interactive musste eine zensierte Version mit grünen statt roten Blutspritzern nachschieben. Verkaufszahlen: Die unzensierte Fassung verkaufte sich weltweit über drei Millionen Mal, die deutsche Version nur rund 200.000 Einheiten.
Indiziert für harmlose Pixel
id Software, gegründet von John Romero und John Carmack, hatte zuvor Commander Keen (1990) als Jump-’n’-Run veröffentlicht. Wolfenstein 3D (1992) setzte dann den ersten Egoshooter in die Welt, der Hakenkreuze und Hitler-Porträts zeigte. In Deutschland wurde das Spiel komplett verboten, ebenso wie Doom (1993), das mit Dämonen und Kettensägen für Aufsehen sorgte. Erst 2002 erlaubte die USK eine entschärfte Version von Wolfenstein 3D, in der die Hakenkreuze durch generische Symbole ersetzt wurden. Doom verkaufte sich trotz der Einschränkungen über zehn Millionen Mal, allein in Deutschland etwa 500.000 Exemplare.
- Mortal Kombat erreichte 1992 über sechs Millionen Arcade-Boards und 12 Millionen Konsolen-Verkäufe. Die Indizierung in Deutschland stoppte den Verkauf nicht, trieb aber den Preis auf dem Schwarzmarkt in die Höhe.
- Command & Conquer folgte 1996 mit Red Alert, das in Deutschland erst nach Kürzungen der Zwischensequenzen freigegeben wurde. Das Sequel verkaufte sich dennoch 1,5 Millionen Mal, fast so gut wie im Rest Europas.
Spiele, bei denen man den Kopf schüttelt
Rockstar North (ehemals DMA Design) hatte mit Grand Theft Auto III (2001) offene Spielwelten etabliert. Manhunt (2003) ging einen Schritt weiter: Der Spieler tötet Gegner mit improvisierten Waffen, während er von einem Regisseur kommentiert wird. In Großbritannien wurde das Spiel nach einem Mordfall (der Täter hatte Manhunt gespielt) zeitweise aus den Regalen genommen, in Deutschland indiziert. Der Verkauf lag weltweit bei rund 1,7 Millionen Einheiten, weit unter den 17 Millionen von GTA: Vice City.
Illusion Soft aus Japan ist auf Erogē spezialisiert, Spiele mit sexuellen Inhalten. RapeLay (2006) simulierte Vergewaltigung und landete auf dem Index vieler Länder, nachdem eine internationale Petition 2009 150.000 Unterschriften sammelte. Amazon entfernte den Titel aus dem Sortiment, verkaufte ihn aber zuvor weltweit über 100.000 Mal. Der Entwickler stellte später jegliche Veröffentlichung außerhalb Japans ein.
Der Hot Coffee-Mod zu Grand Theft Auto: San Andreas (2004) war kein offizielles Feature, sondern ein deaktivierter Sex-Minispiel-Code. Rockstar ließ den Code im Spiel, Hacker schalteten ihn frei, die ESRB stufte das Spiel von M (17+) auf AO (18+) hoch, was viele Händler zur Rückgabe zwang. Rockstar musste eine gepatchte Version ausliefern, die Kosten lagen bei geschätzten 30 Millionen Dollar. In Deutschland wurde San Andreas daraufhin indiziert, die Indizierung erst 2017 aufgehoben.
Was die Entwickler sich dabei dachten?
Running with Scissors, ein Ein-Mann-Studio von Vince Desi, veröffentlichte Postal (1997) als bewusste Provokation: Ein Amokläufer metzelt sich durch eine Kleinstadt. Der Titel wurde in Deutschland, Australien und Neuseeland verboten, verkaufte aber über eine Million Exemplare. Das Studio brachte 2003 Postal² heraus, das noch expliziter war und weltweit Proteste von Bürgerinitiativen auslöste. Statt Entschuldigungen feierte Running with Scissors die Kontroversen in Werbekampagnen.
Destructive Creations aus Polen entwickelte Hatred (2015) als „Massenmord-Simulation“. Das Studio bestand aus ehemaligen Mitarbeitern von The Farm 51, die an NecroVisioN (2009) gearbeitet hatten. Hatred wurde nach ersten Ankündigungen von Valve aus Steam entfernt, nach Protesten der Community aber mit einer Altersbeschränkung wieder aufgenommen. Der Entwickler verkaufte 600.000 Einheiten, was für ein Indie-Projekt beachtlich ist. Die Kosten betrugen nur 150.000 Dollar.
- Manhunt-Regisseur Ian Harrowell sagte später: „Wir wollten testen, wie weit wir in einer Simulation gehen können.“ Rockstar zog keine Konsequenzen für die Karrieren der Beteiligten.
- RapeLay hingegen brachte Illusion Soft massive Umsatzverluste: Amazon blockierte alle Titel des Studios, der Publisher verlor 80 % seiner westlichen Vertriebswege.
Retro-Gaming-Perspektive
Die Indizierung von Bubble Bobble (1986) durch die BPjM? Tatsächlich geschah das nie, der Titel wurde hier fälschlich genannt. Tatsächlich landete das harmlose Jump-’n’-Run von Taito nie auf einer Verbotsliste. Stattdessen waren es Spiele wie Leisure Suit Larry (1987) oder The Last Ninja (1987), die in Deutschland wegen sexueller Darstellungen oder Gewalt auf dem Index landeten. Die USK (1994) und PEGI (2003) wurden als direkte Reaktion auf die Diskrepanz zwischen gesetzlichen Verboten und realen Verkaufszahlen geschaffen.
Die Moralvorstellungen von 1992 bis 2024 haben sich radikal verschoben: Während Mortal Kombat heute ungeschnitten ab 16 Jahren freigegeben wird, bleiben Spiele wie Manhunt weiterhin indiziert. Die Zahl der indizierten Titel liegt in Deutschland aktuell bei rund 1.800 (Stand 2023), die Mehrzahl davon aus den 1990er Jahren. Hatred ist eines der wenigen neueren Spiele auf der Liste, ein Zeichen, dass die Diskussion um Gewalt in Medien nie abebbt.