Der seltsame Vibe im Supermarkt
Haben Sie schon einmal epische orchestrale Klänge aus Skyrim oder die entspannten Melodien von Animal Crossing im örtlichen Supermarkt oder beim Warten an der Haltestelle gehört?
Genau diese bizarre Erfahrung treibt aktuell die Gaming-Community um.
Hintergrund dieser akustischen Irritation ist die steigende Beliebtheit von orchestralen Live-Konzerten wie "The Legend of Zelda: Symphony of the Goddesses" oder offiziellen Vinyl-Veröffentlichungen von Labels wie iam8bit, die den Sprung in den Mainstream-Einzelhandel geschafft haben.
Bethesda Game Studios, die Entwickler hinter Skyrim (erschienen im November 2011 für über 30 Millionen verkaufte Einheiten), haben mit Komponist Jeremy Soule Maßstäbe für atmosphärische Fantasy-Musik gesetzt.
Nintendo setzt bei Animal Crossing (gestartet 2001 auf dem Nintendo 64 in Japan als Dōbutsu no Mori) auf stündlich wechselnde Musikstücke von Kazumi Totaka, die sich tief in das Gedächtnis von Millionen Spielern eingebrannt haben.
Warum der Kontext fehlt
- Melodien aus The Legend of Zelda im Fahrstuhl lösen sofort kognitive Dissonanz aus.
- Unser Gehirn verbindet diese Soundtracks fest mit virtuellen Abenteuern und Bildschirmgeschehen.
- Fehlt der visuelle Bezug, fühlt sich die Beschallung in der Realität schlicht falsch an.
Die kognitive Dissonanz entsteht, weil das menschliche Ohr evolutionär darauf trainiert ist, akustische Reize mit einer konkreten Gefahren- oder Belohnungssituation zu verknüpfen.
Nintendo veröffentlichte The Legend of Zelda erstmals 1986 auf dem Famicom Disk System in Japan, womit Koji Kondos ikonische Overworld-Melodie seit fast vier Jahrzehnten existiert.
Wenn diese nostalgischen Klangteppiche nun in einem sterilen Kontext wie einer U-Bahn-Station laufen, greift das assoziative Gedächtnis ins Leere, weil der Bildschirm und die Controller-Eingabe fehlen.
Die Macht der Erinnerung
Spiele-Soundtracks sind präzise darauf ausgelegt, emotionale Reaktionen in bestimmten Spielsituationen zu triggern.
Klingt die vertraute Bosskampf-Musik plötzlich im Wartezimmer beim Arzt, schüttelt man unwillkürlich den Kopf.
Der Kollege bei PCGamer stellte kürzlich genau diese Frage nach dem absurdesten Ort für Gaming-Klänge in der Öffentlichkeit, was hunderte Reaktionen von Spielern auslöste, die von Supermärkten bis zu Zahnarztpraxen alles berichteten.
Dass diese Klänge außerhalb ihres Mediums so irritieren, zeigt ihre enorme emotionale Wirkungskraft, die durch Millionen von Spielstunden in Titeln wie The Witcher 3 (CD Projekt Red, 2015) oder Final Fantasy VII (Square Enix, 1997) konditioniert wurde.
Im aktuellen Branchenkontext nutzen Werbeagenturen diese Vertrautheit gezielt aus, um jüngere Zielgruppen anzusprechen, selbst wenn die genutzte Musik bei unbedarften Kunden nur Verwirrung stiftet.