Verhandlungen im Nebel
Seit Monaten sitzen Vertreter der Xbox-Gewerkschaften mit dem Management am Tisch. Ihr Ziel: verbindliche Layoff-Protections, also Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen. Doch bis heute gibt es kein Ergebnis, und keine klaren Informationen.
Die Beschäftigten warten auf Antworten. Ein Sprecher der Gewerkschaft, die mehrere Studios vertritt, beschreibt die Lage als „frustrierend und zermürbend“. Man wisse nicht, ob die Gespräche überhaupt substanziell vorankommen.
Die betroffenen Studios und ihre Geschichte
Die Verhandlungen betreffen Teams, die zu den bekanntesten Marken von Microsoft Gaming gehören. 343 Industries (seit 2023 Halo Studios) entwickelte nach der Übernahme durch Microsoft im Jahr 2007 die gesamte Halo-Reihe ab Halo 4 (2012). Bethesda Game Studios aus Maryland veröffentlichte Starfield (2023), das erste neue IP des Studios seit 25 Jahren und mit über 13 Millionen Spielern der erfolgreichste Start eines Bethesda-Titels. Turn 10 Studios in Seattle liefert seit 2003 die Forza Motorsport-Serie, zuletzt Forza Motorsport (2023).
Alle drei Studios wurden in den letzten Jahren von Entlassungen getroffen. Im Januar 2024 strich Microsoft 1.900 Stellen in der Gaming-Sparte, vor allem bei Activision Blizzard, aber auch bei Bethesda und Xbox. Im Mai 2024 schloss Microsoft Tango Gameworks („Hi-Fi Rush“) und Alpha Dog Games, während die zugekauften Zenimax-Studios Stellen abbauten. Die Gewerkschaft ZeniMax Workers United, die 2023 als erste große Microsoft-Gewerkschaft gegründet wurde, vertritt rund 300 Beschäftigte in diesen Studios. Sie fordert seitdem konkrete Schutzmechanismen.
Was die Beschäftigten sagen
- „Wir verstehen, dass Unternehmen wirtschaftlich denken müssen, aber die Ungewissheit ist wahnsinnig.“
- „Wir wollen einfach wissen, dass sie sich wirklich Mühe geben, unsere Jobs zu erhalten.“
- „Wir sind Menschen mit Hoffnungen, Träumen, Kindern und Hypotheken.“
Diese Aussagen stammen aus einem internen Statement, das der Redaktion vorliegt. Sie zeigen die Anspannung in den Teams.
Branchenkontext: Die Entlassungswelle bei Microsoft und anderswo
Die aktuelle Situation ist kein Einzelfall. Allein im Jahr 2024 wurden in der Spieleindustrie über 14.000 Stellen gestrichen, mehr als in den beiden Vorjahren zusammen. Unity Technologies entließ 1.800 Mitarbeiter, Riot Games 530, Epic Games 830. Microsoft selbst baute im Februar 2026 erneut rund 650 Stellen in der Gaming-Sparte ab, wie der Artikel erwähnt.
Für Microsoft kommt hinzu, dass das Unternehmen nach der 69-Milliarden-Dollar-Übernahme von Activision Blizzard im Oktober 2023 unter starkem Druck steht, Kosten zu senken und Synergien zu heben. Analysten schätzen, dass Microsoft Gaming (Xbox, Bethesda, Activision) jährlich über 20 Milliarden Dollar Umsatz erzielt, aber die Margen bleiben hinter den Erwartungen zurück. Die Gewerkschaften argumentieren, dass die Führung nicht allein mit Wirtschaftlichkeit argumentieren könne, wenn sie gleichzeitig Rekordgewinne in anderen Sparten wie Cloud und Office einfährt.
Ein schmaler Grat zwischen Wirtschaft und Menschlichkeit
Die Verhandlungen drehen sich um konkrete Schutzmechanismen: Kündigungsfristen, Abfindungen und ein Moratorium für Massenentlassungen. Microsoft selbst hat in den vergangenen Jahren mehrfach Stellen in der Gaming-Sparte gestrichen, zuletzt im Februar 2026, als rund 650 Mitarbeiter gingen.
Die Gewerkschaft betont, dass sie keinen Stillstand der Geschäfte fordert. Aber ohne transparente Zusagen bleibe das Vertrauen nachhaltig beschädigt. Ein Studio-Mitarbeiter sagt: „Wir machen unsere Arbeit, aber jeden Tag hängt das Damoklesschwert über uns.“
Gewerkschaftsarbeit bei Microsoft: Ein schwieriger Weg
Microsoft hatte sich lange gegen betriebliche Mitbestimmung gestemmt. Erst 2022, nach der Übernahme von Activision Blizzard, erklärte der Konzern offiziell Neutralität bei Gewerkschaftsgründungen. Die ZeniMax Workers United schloss daraufhin im Dezember 2023 einen Tarifvertrag, der unter anderem eine jährliche Gehaltsanpassung von mindestens 3,5 Prozent und Kündigungsfristen von 60 Tagen vorsieht. Doch der aktuelle Vorstoß zu Layoff-Protections geht weit darüber hinaus: Er fordert eine verbindliche Zusage, dass betriebsbedingte Kündigungen nur nach Zustimmung der Gewerkschaft möglich sind.
Ein Problem: Die Verhandlungen finden parallel zu den Vorbereitungen für Call of Duty: Black Ops 7 (Herbst 2026) und The Elder Scrolls VI (frühestens 2027) statt. Studios wie Tango Gameworks wurden bereits geschlossen, obwohl sie mit Hi-Fi Rush (2023) einen Erfolg feierten, das Spiel gewann mehrere Game Awards. Die Gewerkschaft verweist darauf, dass Microsoft solche Studios als „nicht strategisch“ einstufte, ohne Personalvertretung anzuhören.
Keine Einigung in Sicht
Die nächste Verhandlungsrunde ist für Juli 2026 angesetzt. Bislang weigert sich Microsoft, konkrete Details zu den Gesprächen zu nennen. Die Gewerkschaften fordern: „Redet mit uns, nicht über uns.“ Solange die Führung schweigt, bleibt die Ungewissheit das einzige, was sicher scheint.