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Die gelbe Leere: Warum „Banana“ das seltsamste soziale Experiment auf Steam ist
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Die gelbe Leere: Warum „Banana“ das seltsamste soziale Experiment auf Steam ist

Ein Klick-Simulator, der eigentlich nur ein digitaler Briefbeschwerer ist. Wir analysieren, warum tausende Spieler stundenlang auf eine Frucht starren und ob das noch als Spiel durchgeht.

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FatimaEzzahra Zouhoum
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Willkommen in der Welt von „Banana“. Wenn ihr das Spiel startet, werdet ihr von einer hochauflösenden Grafik einer Banane begrüßt. Ihr klickt darauf. Die Zahl auf dem Bildschirm erhöht sich um eins. Das war es. Herzlichen Glückwunsch, ihr habt gerade die gesamte „Spielmechanik“ von einem der aktuell meistgespielten Titel auf Steam verstanden. Als Journalist bei EndeNews.de habe ich schon viel gesehen – von komplexen Grand-Strategy-Epen bis hin zu emotionalen Indie-Perlen. Aber „Banana“ stellt mich vor eine Herausforderung: Wie bewertet man etwas, das sich bewusst weigert, ein Spiel zu sein?

Die Prämisse von „Banana“ ist so simpel wie dreist. Es ist ein Idle-Game, bei dem das „Idle“ sogar noch zu viel Arbeit impliziert. Man klickt auf die Banane, man wartet, man klickt wieder. Es gibt keine Upgrades, keine Story, keine Gegner und kein Ziel. Es ist die digitale Entsprechung eines Fidget-Spinners, nur dass der Fidget-Spinner wenigstens noch eine haptische Komponente hatte. Warum also spielen das hunderttausende Menschen?

Die Antwort liegt nicht im Spiel selbst, sondern im Ökosystem von Steam. „Banana“ ist im Grunde ein „Item-Generator“. In regelmäßigen Abständen erhält der Spieler durch das bloße Öffnen des Programms verschiedene digitale Bananen-Skins, die sich im Steam-Marktplatz für ein paar Cent verkaufen lassen. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und digitalem Glücksspiel bzw. Börsenspekulation. Die Spieler sind keine Gamer im klassischen Sinne; sie sind Sammler oder kleine Händler, die darauf hoffen, eine „seltene“ Banane zu ziehen, die vielleicht einen Euro wert ist.

Kritisch betrachtet muss man sagen: Als Videospiel ist „Banana“ eine glatte 1.0. Es bietet keine Herausforderung, keine Belohnung für Geschicklichkeit und keinen Unterhaltungswert, der über die ersten zehn Sekunden des Staunens hinausgeht. Wer nach einer Simulation sucht, die den Anbau von Obst oder die Logistik einer Bananen-Plantage simuliert, wird hier bitter enttäuscht. Das Spiel simuliert lediglich die menschliche Gier und die Faszination für digitale Sammelobjekte.

Dennoch kann man dem Entwicklerteam nicht absprechen, dass sie den Zeitgeist perfekt getroffen haben. In einer Welt, in der wir ständig nach schnellen Dopamin-Kicks suchen, ist „Banana“ der ultimative Zeitvertreib für Menschen, die eigentlich gar keine Zeit haben. Man lässt es im Hintergrund laufen, während man arbeitet oder andere Spiele spielt. Es ist ein „Second-Screen-Erlebnis“ par excellence.

Die Grafik? Nun, die Banane sieht tatsächlich überraschend gut aus. Sie ist scharf, farbenfroh und wurde offensichtlich mit Liebe zum Detail gerendert – was den Zynismus des Ganzen nur noch unterstreicht. Der Sound besteht aus einem simplen Klick-Geräusch, das nach fünf Minuten so nervtötend wird, dass man den Ton stummschaltet.

Ist „Banana“ also ein schlechtes Spiel? Wenn man den Maßstab von „Super Mario“ oder „Baldur’s Gate“ anlegt: Ja, absolut. Es ist ein leeres Gefäß, das nur durch die Community und den Marktplatz gefüllt wird. Aber man muss anerkennen, dass es eine Funktion erfüllt. Es ist ein soziales Experiment, das zeigt, wie wenig Inhalt nötig ist, um eine riesige Spielerbasis zu binden, solange ein ökonomischer Anreiz – egal wie klein er ist – vorhanden ist.

Mein Fazit fällt daher zwiegespalten aus. Wer ein Spiel sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch ein Kuriosum der Gaming-Geschichte erleben will, das zeigt, wie absurd der Steam-Marktplatz funktionieren kann, der sollte einen Blick riskieren. Aber erwartet nicht, dass ihr euch nach einer Stunde „Banana“ besser fühlt. Ihr werdet einfach nur eine Banane mehr in eurem Inventar haben und die Erkenntnis, dass ihr gerade 60 Minuten damit verbracht habt, auf ein gelbes Obst zu klicken.

Für die Gaming-Kultur ist „Banana“ ein Warnsignal: Wir bewegen uns weg vom Spielerlebnis und hin zum reinen „Asset-Farming“. Es ist ein Spiel, das man nur spielt, um es nicht mehr spielen zu müssen. Ein Paradoxon, das man gesehen haben muss, um es zu glauben – aber man muss es definitiv nicht lieben. Bleibt bei echten Spielen, Leute. Die Banane ist es nicht wert.

5.5
/10
MAESSIG

+ PRO

  • +Minimalistisches Design, das keine Hardware-Anforderungen stellt
  • +Ein faszinierendes, wenn auch absurdes soziales Experiment
  • +Kostenlos spielbar und extrem leicht zugänglich

- CONTRA

  • -Absolut kein spielerischer Tiefgang oder Fortschritt
  • -Die Mechanik ist auf Dauer repetitiv und langweilig
  • -Dient primär als Vehikel für den Steam-Marktplatz-Handel

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