Ein mechanisches Meisterwerk mit kleinen Ecken und Kanten
'Boxes: Lost Fragments' entführt uns in eine Welt voller kniffliger Rätselboxen, die stark an die berühmte 'The Room'-Reihe erinnern. Ein atmosphärischer Trip für Puzzle-Fans, der jedoch nicht ganz die Genialität seines Vorbilds erreicht.
Wenn man „Boxes: Lost Fragments“ zum ersten Mal startet, fühlt man sich sofort heimisch. Wer die „The Room“-Reihe von Fireproof Games kennt, wird nach wenigen Sekunden das Gefühl haben, in ein alternatives Universum abgetaucht zu sein. Ist das schlimm? Nicht unbedingt. Doch es stellt sich die Frage: Kann ein Spiel, das sich so offensichtlich bei einem Genre-König bedient, auch auf eigenen Beinen stehen?
Die Kunst der Mechanik
Das Spielprinzip ist schnell erklärt: Wir befinden uns in einer viktorianisch angehauchten, leicht mystischen Umgebung und interagieren mit komplexen, mechanischen Boxen. Jede Box ist ein in sich geschlossenes Rätsel-Universum. Wir drehen, schieben, kombinieren Gegenstände und öffnen geheime Fächer, um tiefer in das Innere der Objekte vorzudringen.
Das haptische Feedback ist dabei die größte Stärke des Titels. Wenn man ein Zahnrad einsetzt oder einen Riegel verschiebt, fühlt sich das befriedigend an. Die Entwickler haben hier ganze Arbeit geleistet, um die Interaktion so intuitiv wie möglich zu gestalten. Die Rätsel selbst sind logisch aufgebaut. Es gibt kaum Momente, in denen man frustriert vor dem Bildschirm sitzt und sich fragt, ob die Lösung nun ein Bug oder ein Genie-Streich ist. Der Schwierigkeitsgrad ist angenehm moderat – perfekt für eine entspannte Feierabend-Session.
Grafik und Atmosphäre: Ein Augenschmaus
Optisch macht „Boxes: Lost Fragments“ einiges her. Die Texturen der Holzoberflächen, das glänzende Messing der Zahnräder und die subtilen Lichteffekte erzeugen eine dichte, fast schon meditative Atmosphäre. Man verliert sich schnell in den Details. Die Kameraführung ist flüssig, und das Spiel läuft auch auf Hardware, die nicht zur absoluten Oberklasse gehört, butterweich. Hier merkt man, dass die Entwickler viel Liebe in die visuelle Präsentation gesteckt haben.
Wo das Spiel an seine Grenzen stößt
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Der größte Kritikpunkt ist die Originalität – oder das Fehlen derselben. „Boxes: Lost Fragments“ wirkt an vielen Stellen wie eine Hommage, die den schmalen Grat zur Kopie überschreitet. Wer „The Room“ durchgespielt hat, wird sich hier an fast jeder Ecke an bekannte Mechaniken erinnert fühlen. Es fehlt der eigene, mutige Twist, der das Spiel aus dem Schatten des großen Vorbilds heben würde.
Auch die Story ist leider nur Beiwerk. Wir schlüpfen in die Rolle eines Diebes, der in ein mysteriöses Herrenhaus einbricht, um Artefakte zu stehlen. Das klingt nach einem spannenden Aufhänger, verkommt aber schnell zu einer bloßen Rechtfertigung, warum wir nun diese Boxen öffnen müssen. Die Erzählung ist fragmentarisch und wenig packend; man ertappt sich dabei, die eingeblendeten Text-Schnipsel nach dem ersten Satz zu überspringen, nur um schneller wieder zum nächsten Rätsel zu kommen.
Ein weiterer Punkt, der den Spielfluss gelegentlich stört, ist die Steuerung. Während sie auf Touch-Geräten vermutlich perfekt funktioniert, wirkt sie auf dem PC mit der Maus manchmal etwas fummelig. Besonders wenn man ein Objekt aus verschiedenen Winkeln betrachten muss, um einen versteckten Schalter zu finden, kann die Kameraführung zickig reagieren. Hier hätte ich mir eine präzisere, vielleicht etwas direktere Steuerung gewünscht.
Fazit: Solide Kost für Rätselfreunde
Ist „Boxes: Lost Fragments“ ein schlechtes Spiel? Auf keinen Fall. Es ist ein hochglanzpoliertes, entspannendes und handwerklich hervorragendes Puzzle-Erlebnis. Wer nach einem Spiel sucht, das den Geist fordert, ohne den Puls in die Höhe zu treiben, ist hier genau richtig.
Allerdings darf man keine erzählerischen Wunder oder bahnbrechende neue Spielmechaniken erwarten. Es ist ein Spiel für zwischendurch, eine Art „Comfort Food“ für Fans des Genres. Wenn man akzeptiert, dass man hier keine Neuerfindung des Rades bekommt, sondern eine sehr solide, hübsch verpackte Rätsel-Erfahrung, dann wird man mit „Boxes“ definitiv einige unterhaltsame Stunden verbringen.
Für mich persönlich bleibt es ein „sehr gut“, das jedoch den Sprung zum „Meisterwerk“ verpasst hat, weil es sich zu sehr darauf verlässt, dass die Spieler das Genre bereits lieben, anstatt sie mit eigenen, mutigen Ideen neu zu begeistern. Wer „The Room“ geliebt hat und Nachschub braucht, kann hier bedenkenlos zugreifen. Alle anderen sollten vielleicht auf einen Sale warten.
+ PRO
- +Exzellentes, haptisches Rätseldesign
- +Wunderschöne, detailreiche Grafik
- +Entspannendes, entschleunigtes Gameplay
- CONTRA
- -Deutliche Anleihen bei 'The Room' wirken teils wie eine Kopie
- -Story bleibt blass und dient nur als Alibi
- -Steuerung auf dem PC manchmal etwas fummelig
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