Ein nostalgischer Tanz mit den Schatten – Doch reicht das für die Ewigkeit?
Das Remake von Alone in the Dark versucht, den Geist des Survival-Horror-Urgesteins in die Moderne zu retten. Zwischen atmosphärischem Südstaaten-Gothic und spielerischen Stolpersteinen wartet ein Trip, der nicht jeden Spieler abholen wird.
Wenn man den Namen Alone in the Dark hört, schwingt bei Veteranen der Gaming-Geschichte sofort eine gewisse Ehrfurcht mit. Schließlich gilt der Titel von 1992 als der Urvater des Survival-Horrors. Das Remake aus dem Jahr 2024 steht also vor einer Herkulesaufgabe: Es muss den Charme der 90er bewahren, ohne sich wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Ära anzufühlen. Nach etlichen Stunden in den verfluchten Hallen von Derceto kann ich sagen: Es ist ein faszinierendes, aber leider auch ungeschliffenes Juwel.
Derceto als Hauptdarsteller
Das Herzstück des Spiels ist zweifellos das Herrenhaus Derceto. Die Entwickler von Pieces Interactive haben hier ganze Arbeit geleistet. Die Architektur, die verfallenen Tapeten, das Spiel mit Licht und Schatten – man spürt förmlich den Moder und die Verzweiflung, die in den Wänden steckt. Es ist ein klassisches „Lovecraft-trifft-Südstaaten-Gothic“-Setting, das mich von der ersten Minute an in seinen Bann gezogen hat. Wer Spiele wie Resident Evil oder Silent Hill liebt, wird sich hier sofort zu Hause fühlen.
Besonders hervorzuheben sind die beiden Protagonisten Edward Carnby (David Harbour) und Emily Hartwood (Jodie Comer). Dass man hier auf echte Hollywood-Größen gesetzt hat, zahlt sich aus. Die Dialoge sind pointiert, die Mimik – zumindest in den Zwischensequenzen – beeindruckend detailliert. Man nimmt den beiden ihre Verwirrung und ihre Angst ab, was in einem Genre, das oft unter hölzernen Sprechern leidet, eine erfrischende Abwechslung darstellt.
Rätsel statt Adrenalin
Das Gameplay ist eine bewusste Entscheidung gegen den modernen Trend der reinen Action-Horror-Titel. Hier wird noch gerätselt. Die Puzzles sind fordernd, logisch aufgebaut und erfordern echtes Nachdenken, anstatt den Spieler an die Hand zu nehmen. Das hat mir persönlich sehr gefallen, da es das Pacing entschleunigt und den Fokus auf die Erkundung der Umgebung legt.
Doch hier beginnt auch der erste große Kritikpunkt: Sobald es zum Kampf kommt, bröckelt die Fassade. Das Gunplay fühlt sich schwammig und unpräzise an. Die Waffen haben kaum Wucht, und die Kollisionsabfrage bei den Nahkampfangriffen wirkt oft eher wie ein Zufallsprodukt als wie ein präzises System. Wenn man von einer Gruppe von Monstern umzingelt wird, artet das Ganze schnell in ein chaotisches „Button-Mashing“ aus, das wenig mit taktischem Survival zu tun hat. Die Gegner-KI tut ihr Übriges: Oft bleiben Feinde an Objekten hängen oder laufen stumpf auf den Spieler zu, was die eigentlich bedrohliche Atmosphäre ad absurdum führt.
Technisches Stolpern
Ein weiteres Problem ist der technische Zustand. Während die Grafik in den statischen Innenräumen durch tolle Beleuchtungseffekte glänzt, wirken die Außenareale und manche Texturen im direkten Vergleich fast schon wie aus der letzten Konsolengeneration. Ich hatte während meines Durchgangs mit gelegentlichen Framerate-Einbrüchen zu kämpfen, und auch Clipping-Fehler – etwa wenn ein Gegner halb in einer Wand verschwand – rissen mich immer wieder aus der Immersion. Für ein Spiel, das so stark von seiner Atmosphäre lebt, sind solche technischen Schnitzer schlichtweg ärgerlich.
Ein Fazit für Liebhaber
Ist Alone in the Dark (2024) ein Meisterwerk? Nein. Es ist kein Spiel, das das Genre neu erfindet oder technisch Maßstäbe setzt. Aber es ist ein Spiel mit einer Seele. Es ist ein atmosphärischer Trip, der sich traut, langsam zu sein, der auf Rätsel setzt und der von seinen exzellenten Charakterdarstellern getragen wird.
Wer über die hölzernen Kämpfe und die gelegentlichen technischen Macken hinwegsehen kann, findet hier ein wunderbar düsteres Adventure, das den Geist des Originals ehrt, ohne in Nostalgie zu erstarren. Es ist ein Spiel für einen verregneten Sonntagabend, bei dem man das Licht ausschaltet, den Controller in die Hand nimmt und sich einfach in Derceto verlieren möchte. Für den Massenmarkt ist das vielleicht zu wenig, für Fans des klassischen Survival-Horrors ist es jedoch ein lohnenswerter, wenn auch nicht perfekter Ausflug in den Wahnsinn.
Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Das Potenzial für einen modernen Klassiker war da, doch die Umsetzung der Kampfmechaniken und der letzte technische Feinschliff haben den Sprung in die oberste Liga verhindert. Dennoch: Ich habe meine Zeit in Derceto nicht bereut.
+ PRO
- +Exzellente, dichte Atmosphäre im Herrenhaus Derceto
- +Überzeugende schauspielerische Leistung von David Harbour und Jodie Comer
- +Gelungene Mischung aus Rätseln und psychologischem Horror
- CONTRA
- -Technisch unsauberes Gunplay und hölzerne Kampfmechaniken
- -Gelegentliche Performance-Einbrüche und Clipping-Fehler
- -Die KI der Gegner wirkt oft antiquiert und wenig fordernd
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