Ein Zen-Garten voller Rätsel – Warum Islands of Insight süchtig macht und gleichzeitig ermüdet
Islands of Insight ist ein ambitioniertes Puzzle-MMO, das eine atemberaubende Open World mit tausenden Kopfnüssen kombiniert. Doch zwischen meditativem Flow und repetitiver Fließbandarbeit verliert das Spiel manchmal den Fokus.
Wenn man Islands of Insight zum ersten Mal startet, fühlt es sich an, als würde man in einen digitalen Kurzurlaub eintauchen. Die schwebenden Inseln, die sanfte Musik und das Gefühl, völlig frei durch eine Welt aus griechisch angehauchter Architektur und verträumter Natur zu gleiten, sind Balsam für die Seele. Als Genre-Mix aus „Massively Multiplayer“ und „Puzzle-Game“ betritt der Titel von Lunarch Studios definitiv Neuland. Doch nach etwa 20 Stunden Spielzeit stellt sich die Frage: Ist das noch ein Spiel, oder ist das schon Arbeit?
Das Grundkonzept ist simpel: Du bist ein „Seeker“ in einer Welt, die aus unzähligen schwebenden Inseln besteht. Überall, wohin du blickst, warten Rätsel. Mal sind es klassische Logik-Gitter, mal musst du Lichtstrahlen korrekt ausrichten, mal Perspektiv-Rätsel lösen oder versteckte Objekte finden. Die schiere Masse ist beeindruckend. Wer gerne knobelt, findet hier ein Paradies, das einen für hunderte Stunden beschäftigen könnte.
Das Problem beginnt jedoch bei der Struktur. Islands of Insight wirft dich in eine offene Welt, die von Anfang an mit tausenden Icons überladen ist. Es gibt kein wirkliches Pacing, keinen roten Faden, der dich durch die Welt führt. Man fühlt sich ein wenig wie in einem dieser „Ubisoft-Türme“-Spiele, nur dass man hier keine Lager räumt, sondern Sudoku-Varianten löst. Das kann meditativ sein, aber es kann auch schnell in Stress ausarten, wenn man das Gefühl hat, die Karte „abarbeiten“ zu müssen, anstatt sie zu erkunden.
Was mich als Journalisten besonders stutzig macht, ist das „Massively Multiplayer“-Label. Ja, man sieht andere Spieler, die um einen herumspringen, Rätsel lösen oder durch die Lüfte gleiten. Aber Interaktion? Fehlanzeige. Es gibt keine Koop-Rätsel, keine Gilden, keinen Handel. Die anderen Spieler wirken eher wie Statisten in einem Singleplayer-Spiel, die hin und wieder die Immersion stören, wenn sie wie Flummis durch eine eigentlich ruhige Szenerie hüpfen. Warum das Spiel ein MMO sein muss, bleibt ein Rätsel, das selbst die Entwickler nicht schlüssig beantworten können. Es fühlt sich eher so an, als wollte man den „Shared World“-Trend von Titeln wie Sky: Children of the Light kopieren, ohne jedoch dessen soziale Tiefe zu erreichen.
Kommen wir zum Gameplay: Die Rätsel selbst sind qualitativ hochwertig. Die Lernkurve ist fair, und es gibt für jeden Geschmack etwas. Besonders die „Perspektiv-Rätsel“, bei denen man aus einem bestimmten Winkel ein Symbol vervollständigen muss, machen Spaß und nutzen die 3D-Umgebung hervorragend aus. Doch hier liegt auch die Schwäche: Die Wiederholung. Wenn man das zehnte Licht-Reflektions-Rätsel in der gleichen Art und Weise löst, schaltet das Gehirn auf Autopilot. Der „Flow-Zustand“, den das Spiel anstrebt, kippt dann schnell in eine Art stumpfsinnige Beschäftigungstherapie.
Technisch ist das Spiel solide, aber nicht spektakulär. Die Grafik ist sauber, die Performance auf modernen Systemen stabil. Aber die Welt wirkt steril. Es gibt keine NPCs, keine Dialoge, keine echte Geschichte. Man erfährt zwar durch kleine Textfragmente etwas über die Welt, aber das ist so belanglos, dass ich nach kurzer Zeit aufgehört habe, sie zu lesen. Hier wurde viel Potenzial verschenkt, die Welt durch Lore lebendig zu machen.
Ist Islands of Insight also ein schlechtes Spiel? Keineswegs. Es ist ein exzellentes Spiel für zwischendurch, für den Feierabend, an dem man nicht mehr nachdenken, sondern nur noch „klicken“ will. Es ist ein Spiel für Menschen, die The Witness mochten, sich aber eine weniger frustrierende und offenere Umgebung gewünscht haben.
Wer jedoch ein tiefgründiges MMO oder eine erzählerisch dichte Erfahrung sucht, wird hier bitter enttäuscht. Islands of Insight ist ein digitaler Zen-Garten. Er ist wunderschön anzusehen, er beruhigt, aber wenn man zu lange darin verweilt, fängt man an, die einzelnen Steine zu zählen, anstatt die Aussicht zu genießen. Für Rätselfans ist es ein Pflichtkauf, für alle anderen ein netter Zeitvertreib, der jedoch Gefahr läuft, in der Masse seiner eigenen Inhalte zu ertrinken.
Mein Fazit: Ein mutiges Experiment, das in der Nische glänzt, aber als MMO-Hybrid noch nicht ganz weiß, was es sein will. Wenn man die Erwartungen an eine soziale Interaktion herunterschraubt und es als reinen „Puzzler“ betrachtet, kann man hier sehr glücklich werden.
+ PRO
- +Unglaublich entspannende Atmosphäre und ästhetisches Artdesign
- +Riesige Auswahl an abwechslungsreichen Rätseltypen
- +Kein Zeitdruck oder toxischer Wettbewerb durch andere Spieler
- CONTRA
- -Die MMO-Komponente fühlt sich oft wie ein Fremdkörper an
- -Massive Überreizung durch die schiere Menge an Icons auf der Karte
- -Story und Lore sind kaum vorhanden und wirken aufgesetzt
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