Nothing: Wenn das Gaspedal ins Leere tritt
Ein Rennspiel, das seinen Namen zum Programm macht – Nothing versucht sich an einer minimalistischen Vision, verliert sich dabei aber in inhaltlicher Leere. Ein ambitioniertes Experiment, das leider an der Ziellinie scheitert.
Wenn ein Spiel den Titel „Nothing“ trägt, ist das entweder ein genialer, postmoderner Schachzug oder eine unfreiwillige Warnung an den Spieler. Nach gut 15 Stunden hinter dem virtuellen Lenkrad von Nothing bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, welche der beiden Optionen hier zutrifft. Das Rennspiel aus dem Jahr 2024, das mit dem Versprechen antrat, das Genre auf seine Essenz zu reduzieren, hinterlässt bei mir ein Gefühl, das irgendwo zwischen tiefer Bewunderung für das Design und blankem Frust über den Mangel an Inhalt schwankt.
Fangen wir mit dem Positiven an: Nothing sieht verdammt gut aus. Die Entwickler haben sich gegen den Trend der überladenen HUDs und bunten Partikeleffekte entschieden. Stattdessen bekommt man eine visuelle Klarheit, die ihresgleichen sucht. Besonders die Nachtrennen auf den wenigen verfügbaren Kursen sind ein Fest für die Augen. Wenn die Scheinwerfer deines Wagens den Asphalt schneiden und die Reflexionen auf der feuchten Fahrbahn tanzen, vergisst man kurzzeitig, dass man eigentlich nur im Kreis fährt. Auch das Sounddesign ist exzellent. Wer eine gute Anlage oder hochwertige Kopfhörer besitzt, wird das mechanische Heulen des Motors und das präzise Quietschen der Reifen bei jedem Einlenken zu schätzen wissen. Es ist ein haptisches Erlebnis, das durch ein überraschend tiefgründiges Reifen-Management-System unterstützt wird. Man muss Temperatur, Abrieb und Druck ständig im Auge behalten – das ist kein Arcade-Racer für zwischendurch, sondern eine Simulation, die Aufmerksamkeit fordert.
Doch hier endet der Lobgesang leider auch schon fast. Das größte Problem von Nothing ist – wie der Name es schon andeutet – das „Nichts“ an Substanz. Nach dem ersten Wow-Effekt der Grafik und der ersten zwei Stunden, in denen man die Fahrphysik verinnerlicht hat, stellt sich eine erschreckende Ernüchterung ein. Es gibt keine echte Kampagne. Es gibt kein Fortschrittssystem, das mich motiviert, mein Auto aufzurüsten oder neue Lizenzen zu erwerben. Man wählt ein Auto, man wählt eine Strecke, man fährt. Das war’s. In einer Zeit, in der Rennspiele wie Forza oder Gran Turismo ganze Lebenswelten um den Motorsport herum aufbauen, wirkt Nothing wie ein technisches Gerüst, dem man vergessen hat, das Fleisch auf die Knochen zu legen.
Ein konkretes Beispiel: Ich habe nach vier Stunden Spielzeit jede der fünf (ja, fünf!) verfügbaren Strecken gesehen. Die KI ist zwar kompetent und fährt fair, aber sie ist ebenso seelenlos wie das Menü, in dem man sie auswählt. Es gibt keine Rivalitäten, keine Kommentatoren, keine Atmosphäre abseits der Strecke. Man fühlt sich wie in einem Labor, nicht wie auf einem Rennkurs. Wenn ich ein Rennen gewinne, gibt es keine Siegerehrung, kein Preisgeld, keine neuen Lackierungen. Der Bildschirm blendet einfach aus und führt mich zurück in das spartanische Hauptmenü. Das ist nicht minimalistisch, das ist schlichtweg unfertig.
Auch die Fahrzeugauswahl ist ein Punkt, der viele Fans enttäuschen dürfte. Zwar fühlt sich jedes der zehn Autos in der Garage einzigartig an – was bei der geringen Anzahl auch das Mindeste ist –, aber die Anpassungsmöglichkeiten sind quasi nicht vorhanden. Wer gerne an Motoren schraubt oder optisches Tuning betreibt, ist hier komplett an der falschen Adresse. Nothing verweigert sich jeder Form von Individualisierung.
Ist Nothing also ein schlechtes Spiel? Nein. Die Fahrphysik ist präzise, das Force-Feedback am Lenkrad gehört zum Besten, was ich dieses Jahr unter den Fingern hatte. Es ist ein Spiel für Puristen, die wirklich nur fahren wollen, ohne den ganzen Ballast der modernen Gaming-Industrie. Aber für den Preis, den die Entwickler verlangen, ist das Gebotene einfach zu dünn. Es wirkt wie eine Tech-Demo, die man versehentlich als Vollpreistitel veröffentlicht hat.
Mein Fazit für die Leser von EndeNews.de: Wenn ihr eine Simulation sucht, um eure Rundenzeiten auf einem High-End-Lenkrad zu perfektionieren und dabei absolute Ruhe vor dem ganzen „Gaming-Drumherum“ wollt, dann könnte Nothing einen Blick wert sein – aber wartet definitiv auf einen Sale. Wer jedoch ein Spiel sucht, das einen für längere Zeit fesselt, eine Geschichte erzählt oder ein Gefühl von Fortschritt vermittelt, der wird hier – wie der Name schon sagt – nichts finden. Es ist ein Spiel, das seine eigene Philosophie so konsequent durchzieht, dass es am Ende an seiner eigenen Leere erstickt. Schade um das handwerkliche Talent, das in der Grafik-Engine steckt. Vielleicht sehen wir in einem Nachfolger mehr – oder eben: mehr von Nothing.
+ PRO
- +Herausragendes, minimalistisches Sounddesign, das den Fokus voll auf den Motor legt.
- +Beeindruckende Lichteffekte bei Nachtrennen, die eine fast meditative Atmosphäre schaffen.
- +Ein innovatives Reifen-Management-System, das taktische Tiefe bietet.
- CONTRA
- -Extrem geringer Umfang an Strecken und Fahrzeugen zum Release.
- -Fehlendes Fortschrittsgefühl durch ein rudimentäres Menü-Design ohne echte Kampagne.
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